"Als Analytiker ist man immer irgendwie dazwischen"

Der analytische Chemiker Ernst Kenndler läßt unter anderem Schnupfenviren durch Kapillaren wandern.

"Ich habe Phenole aus Abwässern getrennt und Inhaltsstoffe von Pharmapräparaten, Proteine von Spinnen und Skorpionen, Pestizide und Kolloide." Wenn Ernst Kenndler, analytischer Chemiker an der Universität Wien, sich zu einem kleinen Überblick über seine bisherige analytische - und das heißt immer auch: trennende - Arbeit hinreißen läßt, vergißt er nicht hinzuzufügen: "Für mich ist das Ergebnis, daß ich Stoffe nicht trennen kann, genauso interessant wie eine geglückte Trennung. Ich will Einblick in die zugrundeliegenden Prozesse gewinnen."

Die spielen sich in seinem Fall bei der Elektrophorese (siehe Kasten) und allen ihren Varianten ab: bei Methoden also, bei denen sich Teilchen durch elektrische Felder bewegen, mit anderen wechselwirken, an Wänden haften bleiben, elektrische Doppelschichten ausbilden, in Potentialgradienten diffundieren, sich thermisch bewegen usw usf. Klingt nach vielen Variablen und nach physikalischer Chemie - und das ist es auch. Kenndler: "Ich bin anhaltend begeistert von der Theorie. Ich liebe mathematische Formeln - ganz im Unterschied zu so manchen Kollegen: Die machen eine Arbeit auf, sehen eine Formel - und legen die Zeitschrift gleich wieder weg."

"Auf der Uni haben wir das Privileg, Grundlagenforschung zu machen, ohne immer gleich an die Anwendung zu denken", sagt Kenndler - und ist doch befriedigt, daß seine theoretisch fundierten Methoden in der "Praxis" gefragt sind. Etwa bei Wiener Biochemikern, die sich mit Schnupfenviren (diverse Typen von Rhinoviren) befassen. Gegen diese gibt es noch immer kein Medikament - aber natürlich Antikörper, die der Körper bildet. Die Biochemiker interessieren sich nun für Topologie und Mechanismus der Bindung von Komplexen zwischen Virus und Antikörper.

Gefragt sind auch Substanzen, die das Virus neutralisieren, also seiner Infektiosität berauben - etwa indem sie seine Proteinhülle so vernetzen, daß die RNA, die ja die Information trägt, mit der die Viren unsere Zellen manipulieren, nicht mehr heraus kann oder zu früh freigesetzt wird.

Welche Substanzen welchen Virus in welchem Ausmaß und wie schnell "komplexieren" - um das systematisch zu untersuchen, braucht man eine rasche, reproduzierbare Screening-Methode. Genau darüber forschen Kenndler, sein Mitarbeiter Vadim Okum und Biochemiker um Dieter Blaas im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekts mit dem schlichten Namen "Affinitäts-Kapillarelektrophorese von Viren".

Viren in Hochspannung

Dabei ist, so Kenndler, "interessant, wie hohe Spannungen die Viren ertragen: bis zu 30.000 Volt". Ihn als Nicht-Biochemiker habe anfangs auch "überrascht, wie wenig man über Schnupfen eigentlich weiß". - Kenndler, mit dem man sich nicht nur über elektrochemische Potentiale, sondern auch über Bob Dylans Werk unterhalten kann ("Der ist ja auch ungefähr in meinem Alter"), hält indessen an der Vielseitigkeit seiner Methoden fest: "Viren sind nur ein Aspekt meiner Arbeit." So hat er, seit Jahrzehnten ein Sammler moderner Kunst (z. B. Zeichnungen von Bruno Gironcoli), auch für die Akademie der Bildenden Künste als Lektor und über Analytik von Bindemitteln - etwa für Skulpturen - gearbeitet. In diesem Sinn klingt ein beiläufiger Satz Kenndlers programmatisch und zufrieden: "Als Analytiker ist man immer irgendwie dazwischen."


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.