In verdünnten Lösungen bilden Moleküle unerwartete Aggregationen, berichten Chemiker. Dieses Ergebnis könnte die Debatte über eine wissenschaftliche Basis der Homöopathie neu entfachen.
"Betrug!" riefen die Gegner, "Hexenjagd!" die Befürworter. Eine der wildesten, teils sogar vor Gericht ausgefochtenen Debatten der jüngeren Wissenschaftsgeschichte wurde 1988 durch einen Artikel in Nature (333, S. 816) entfacht. Darin wollte der französische Homöopath Jacques Benveniste nachweisen, daß Wasser ein "Gedächtnis" hat. Er berichtete, daß eine Lösung, die einmal Antikörper enthalten hat, trotz höchster Verdünnung - bei der kein einziges Antikörper-Molekül mehr im Wasser ist - noch das Immunsystem stimuliere.
Sir John Maddox, der Herausgeber von Nature, entschloß sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er publizierte den Artikel, ließ die Experimente aber im nachhinein von einer Art Kommission überprüfen. Mit negativem Resultat, wie Maddox, Verfechter der orthodoxen Wissenschaft und streitbarer Gegner jedes Aberglaubens, nicht ohne Triumph feststellte.
Dennoch werden Benvenistes Behauptungen bis heute von Anhängern der Homöopathie zitiert. Benveniste selbst behauptet inzwischen übrigens - wenn auch nicht in Nature oder anderen von der Scientific Community als seriös eingeschätzten Zeitschriften -, er könne das "Gedächtnis" des Wassers via E-Mail transportieren.
Wachsende Aggregate
Daß "unendliche" Verdünnungen, in denen kein einziges Molekül des gelösten Stoffes mehr vorliegt, physiologische Wirkung entfalten - das halten wohl die meisten Chemiker und Physiker für unmöglich. Und sollten irgendwann einmal reproduzierbare Studien ergeben, daß die Homöopathen recht haben, die solchen "hohen Potenzen" objektiv überprüfbare Heilungserfolge bescheinigen, dann werden dieselben Chemiker und Physiker dafür keine Erklärung parat haben.
Anders sieht es mit wohl hohen, aber durchaus "endlichen" Verdünnungen aus. In einer in Chemical Communications (2001, S. 2224) publizierten Arbeit berichten der deutsche Chemiker Kurt Geckeler und sein Kollege Shashadhar Samal am Kwangju Institute of Science and Technology in Südkorea über eine verblüffende Beobachtung an Lösungen von so verschiedenen Substanzen wie Natriumchlorid, dem Zucker Cyclodextrin und einer DNA-Base. Bei fortschreitender Verdünnung wuchsen Aggregate, also Zusammenballungen dieser Moleküle (beziehungsweise Ionen). Noch verblüffender: Dieses Wachstum war von der Ausgangskonzentration, also von der "Geschichte" des Verdünnungsprozesses abhängig. Festgestellt wurde die Größe der Aggregate sowohl durch Laserstreuung als auch durch Elektronenmikroskopie.
Dieses Ergebnis ist gewiß kein "Beweis" für die Wirkung von Homöopathie. Aber es ist denkbar, daß größere Aggregate von Substanzen in einer Lösung - bei gleicher Konzentration - leichter mit lebendem Gewebe in Wechselwirkung treten, als wenn sie gleichmäßig verteilt sind. Der Effekt funktioniert übrigens nur in polaren Lösungsmitteln wie Wasser. Wie die - gar nicht so simplen - Strukturen im flüssigen Wasser solche Aggregationen fördern könnten, ist eine spannende Frage. Geckeler und Samal jedenfalls fordern andere Forscher auf, ihre Experimente zu überprüfen.