Nein, ich bin keine Frau, die sich in die Liebesangelegenheiten anderer einmischt: Wenn Melanie einen Mann liebt, der seinen Heckspoiler verehrt: Bitte sehr. Wenn Sandras Angebeteter Kondome mit Noppen benutzt: Viel Vergnügen. Ich halte mich da raus! Immer.
Aber dann kam Katsi aus Hietzing und erzählte mir von ihrer jüngsten Eroberung. Ein Lebenskünstler. Rob heißt er, Ende Zwanzig ist er und so fesch! Nach all den verkrampften Schnöseln, die sie als Praktikantin in einer Anwaltskanzlei so kennengelernt habe - endlich einmal ein lockerer Typ. Was der für Ideen hat: Im Keller einer Bar! Hinter dem Vorhang! Katsis Augen leuchten. Ich muß sie warnen!!!
Lebenskünstler sind nicht locker, sie sind antriebslos. Sie hausen in 30-Quadratmeter-Wohnungen mit Klo am Gang oder bei Freunden von Freunden, die gerade durch Papua-Neuguinea trampen. Sie ziehen mehrmals im Jahr um, was keine große Schlepperei bedeutet, weil sie ohnehin nichts haben - von ein paar hippen Klamotten einmal abgesehen. Sie sind Kellner in tollen Bars oder Kartenabreißer in angesagten Theatern oder Botenfahrer bei Werbeagenturen und wenn man sie fragt, was sie denn so tun, antworten sie gerne: "Ich lebe". In ihren Schubladen stapeln sich halbfertige Drehbücher oder pubertäre Gedichte, die Bukowski oder Fried imitieren, und von einem sind sie überzeugt: Überließe ihnen ein kluger Produzent eine Kamera, sie trügen unter Garantie eine "Goldene Palme" und den nächsten "Oscar" nach Hause.
Frauen becircen sie mit charmant-gefühligen Plaudereien. Man muß den Augenblick genießen! Sagen sie. Jeder Tag will gelebt werden, als ob es der letzte wäre! Was übersetzt freilich nichts anderes bedeutet als: Das Leben ist zu kurz, um einen Quickie auszulassen.
Katsi, sage ich, laß dich nicht einlullen. Lebenskünstler sind nichts anderes als männliche Sirenen. Sie verführen dich mit Dirty Talk - und kaum hast du dich versehen, sitzt du verkatert und mit ungewaschenen Haaren im Büro. Sie säuseln etwas von Spontanität - und schon kommst du zu spät zum nächsten Meeting. Sie summen das Liedchen von der Freiheit - und du suchst wegen Chlamydien einen Facharzt auf. Gegen männliche Sirenen hilft kein Wachs in den Ohren. Gegen diese Gesänge hilft nur Distanz. Wenn man wirklich so leben soll, als ob es kein Morgen gäbe - warum putzt man sich dann die Zähne? Und: So kurz kann ein Leben gar nicht sein - es ist in jedem Fall zu lang für einen One-Night-Stand ohne Kondom.