Der Skandal um die schlechte Versorgung verwundeter Soldaten weitet sich aus.
WASHINGTON. Am Anfang war es eine Geschichte in der „Washington Post“ über Mäuse in Krankenzimmern und Schimmel an der Wand. Mittlerweile hat sich der Skandal, der bereits dem Armee-Staatssekretär den Job kostete, von dem betroffenen „Building 18“ im Walter Reed Militärkrankenhaus in Washington über die ganzen Vereinigten Staaten ausgebreitet: Eine Anhörung in einem Parlamentsausschuss in der Nacht auf Dienstag enthüllte, wie schlecht Veteranen des Irak-Kriegs in den USA behandelt werden.
„Sie sind bereit, ihr Leben zu opfern, und wir geben ihnen nichts“, klagte Annette McLeod, Frau von Wendell McLeod, der im Irak schwere Kopfverletzungen erlitten hatte. Ihr Ehemann habe „den Alptraum des militärischen Gesundheitssystems mitgemacht“. McLeod berichtete dem Ausschuss, sie habe nicht einmal gewusst, dass ihr Mann im Irak verwundet wurde, bis er sie selbst aus einem Krankenhaus in New Jersey anrief.
Der Ausschuss des Repräsentantenhauses, der zur Dramatisierung in einem Konferenzsaal im Walter Reed Krankenhaus tagte, hörte von ähnlichen Zuständen in den ganzen Vereinigten Staaten. Heruntergekommene Militärspitäler, enorme bürokratische Hürden, lange Wartezeiten auf notwendige Operationen.
Die „Washington Post“ berichtete von hunderten E-Mails, in denen Soldaten aus allen Teilen des Landes von ihrem Schicksal erzählen. Ein Soldat ist seit 2005 nach einem Anschlag blind und gelähmt. Im Krankenhaus stritten Pfleger öffentlich darüber, wer ihn baden muss, klagte die Mutter. Einmal vergaß man ihn in der Dusche bei aufgedrehtem Heißwasser, er erlitt Verbrennungen dritten Grades.
Schlafsaal voller Fliegen
In San Diego (Kalifornien) brachte man einen Militärangehörigen in einem Schlafsaal voller Fliegen unter. „Mein Sohn hatte offene Wunden, und in so einem Zimmer sollte er liegen“, schrieb die Mutter. Sie brachte ihn deshalb in einem Hotel unter.
Vor dem Ausschuss erzählte Sergeant John Shannon von frustrierten Soldaten, die „alles unterschreiben, nur damit sie aus dem (Walter Reed) Krankenhaus herauskommen“. Shannon erlitt im Irak einen Kopfschuss, er hat schwere Hirnschäden und verlor sein linkes Auge. Bei seiner Aussage musste er mehrmals innehalten, weil er Probleme hatte, sich zu konzentrieren. Seit zwei Jahren wartet er auf eine kosmetische Operation.
Die Verletzten hätten niemanden, der sich für sie einsetze oder der bei bürokratischen Hindernissen helfe, bemängelte Shannon. Die Hilflosigkeit habe ihn schließlich dazu veranlasst, die „Washington Post“ über die Zustände zu informieren, erzählte ein anderer Soldat, Jeremy Duncan.
Nach den Berichten der Zeitung setzte das große Köpferollen ein. Das Pentagon entließ den für Walter Reed zuständigen Kommandanten, General George Weightman. Als Armee-Staatssekretär Francis Harvey als Nachfolger dessen Vorgänger, Kevin Kiley, einsetzte, kostete das auch ihn den Job: Denn unter Kileys Aufsicht (2002 bis 2004) tauchten erste Berichte über Schlampereien im Walter Reed Krankenhaus auf.
Verteidigungsminister Robert Gates war derart über Harveys Entscheidung erzürnt, dass er ihn zum Rücktritt zwang. General Weightman zeigte sich vor dem Ausschuss schuldbewusst: „Ich möchte mich entschuldigen, dass wir die in uns gesetzten Erwartungen nicht erfüllt haben.“ Er wandte sich direkt an die Familie McLeod und sagte: „Es tut mir leid.“
Bush verspricht Aufklärung
Für die Bush-Regierung sind die Berichte peinlich. Nicht nur, dass man das Land von einem unpopulären Krieg überzeugen muss. Jetzt muss man auch rechtfertigen, warum man die tausenden Soldaten, die in diesem Krieg verletzt werden, nicht ordentlich versorgt. Präsident George W. Bush versprach eine schonungslose Untersuchung – wohl auch aus eigenem Interesse: Die Irak-Soldaten und ihre Familien zählen zu den wenigen Befürwortern des Krieges, die ihm noch geblieben sind.
Inline Flex[Faktbox] LEXIKON("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2007)