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HTL-Lehrerinnen statt Kindergärtnern

Expertendiskussion: Frauenpolitik müsse bei den Männern ansetzen – mit einem Anreiz- und Sanktionssystem, rät Geschlechterforscher Erich Lehner.

WIEN. Das Unbehagen steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Da sind ja nur Frauen.“ Von der Gattin zu einer Debatte „Frauenbilder – Männerbilder“ mitgebracht, fühlt sich einer der männlichen Gäste im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz sichtlich unwohl. „Geh, gar nicht.“ Seine Frau versucht aufzumuntern. „Da, hinter dir rechts, da sitzt noch ein Mann.“

Die Kost war keine leicht verdauliche für männliche Konsumenten, aber der Anlass war ja schließlich auch der Frauentag heute, Donnerstag, der die ÖVP veranlasste, ein Podium zusammenzustellen, das die Situation von Frauen aus Sicht der Familien- und Geschlechterforschung auszuleuchten versuchte.


Verhindern Kollegen Väterkarenz?

Erich Lehner, Geschlechterforscher an der Universität Klagenfurt, ging der Frage nach, ob die Weiterentwicklung der Frauen an der Nichtweiterentwicklung der Männer gescheitert sei, und gelangte zur wissenschaftlichen Antwort: „Jein.“ Um das zu verstehen, müsse man wissen, dass das Wichtigste im Leben eines Mannes nicht Frauen, sondern andere Männer seien. Denn diese würden über seinen Status und damit über alles Weitere entscheiden. Deshalb seien bei der Väterkarenz die männlichen Kollegen das größte Problem.

Um dieses Dilemma zu lösen, brauche es Bewusstseinsbildung. Den Männern zu sagen, dass sie in Väterkarenz gehen müssen, sei zu simpel. „Männer brauchen ein Reiz- und Sanktionssystem.“ Nur dort, wo die Politik sich Gedanken mache, wie man Männer motivieren könne, werde sich nachhaltig etwas ändern.

Derzeit, so Lehner, würden Kinder bis zur Pubertät geschlechtsunabhängig im Schnitt die gleichen Berufswünsche haben. Mit der Pubertät ändere sich das. Mädchen würden auf Berufswünsche umsatteln, die sich mit einer Familie vereinbaren lassen, und Buben bei ihren nach vorwiegend ökonomischen Gesichtspunkten gewählten Traumberufen bleiben. Um sich bei einer Beeinflussung der Kinder die Vorbildwirkung zu Nutze zu machen, brauche es aber nicht männliche Kindergärtner und Volksschullehrer, sondern eher weibliche HTL-Lehrer.

Familienforscherin Sonja Dörfler merkte an, dass selbst arbeitende Frauen heute nicht restlos davon überzeugt seien, dass ihre Kinder keinen Schaden von der Berufstätigkeit der Mutter nehmen könnten. In Österreich sagen immerhin 38 Prozent der erwerbstätigen und 73 Prozent der nicht erwerbstätigen Frauen, dass ein Vorschulkind unter der Berufstätigkeit der Mutter leidet.

14 Prozent der österreichischen berufstätigen Frauen stimmten der Aussage zu, es müsse eigentlich die Rolle des Mannes sein, das Geld nach Hause zu bringen. Das bedeute nicht, dass diese Frauen schizophren seien, wie eine Vermutung aus dem Publikum lautete, sondern vielmehr, dass auch arbeitende Frauen von einem schlechten Gewissen begleitet seien, was ihre Kinder anlangt.

Auf die Frage, was denn die Industriellenvereinigung (IV) als Gastgeber der Veranstaltung leiste, um die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, räumte Christian Friesl, Leiter der IV-Abteilung Gesellschaftspolitik, ein, es gebe verstärkte Versuche, Frauen für technische Berufe zu begeistern und Rahmenbedingungen zu verbessern.


„Mädchen Konsequenzen zeigen“

Staatssekretärin Christine Marek, die auch die Frauengruppe in der ÖVP-Perspektivengruppe für 2010 leitet, nahm Friesl umgehend den Wind aus den Segeln, als sie anmerkte: „Es ist trotz massiver Kraftanstrengungen nur marginal möglich, Mädchen für Technik zu begeistern.“ Die Politik müsse versuchen, Mädchen auf die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nachdrücklicher hinzuweisen.

Beim anschließenden Buffet wurden dann männliche Schultern geklopft. Begleitet von Hinweisen wie: „Es ist halt Frauentag, jetzt reg' dich nicht auf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2007)