USA: Kein ganz normaler Raubüberfall

Wilde Spekulationen über Attentat auf amerikanischen Russland-Experten.

WASHINGTON. Es hätte ein ganz normaler Raubüberfall sein können, wie er sich in den USA dutzendweise pro Tag ereignet. Wären da nicht so viele Konjunktive: Wären Überfalle in dieser Gegend tatsächlich an der Tagesordnung; hätte das Opfer nicht einen politischen Hintergrund; und wäre bei dem Überfall tatsächlich etwas gestohlen worden.

So aber schwelt der Verdacht, dass mehr hinter dem vermeintlichen Kriminalfall steckt – und es wohl darum geht, dass in den USA wieder ein Kreml-Kritiker unschädlich gemacht werden sollte.

Ein Bekannter Litwinenkos

Angefangen hat es auf den ersten Blick als brutaler Raubüberfall. Paul Joyal wurde vergangene Woche in seiner Hauseinfahrt in einem Vorort von Washington angeschossen und schwer verletzt. Aktenkoffer und Brieftasche seien gestohlen worden, ein ganz klarer Fall, erklärte die Polizei.

Doch Paul Joyal war nicht irgendjemand. Der 53-Jährige ist ein Russland-Experte mit guten Beziehungen zu den Geheimdiensten, und ein Bekannter des früheren KGB-Agenten Alexander Litwinenko, der im November in London mit Polonium vergiftet worden war. Litwinenko hatte sich als Kritiker von Russlands Präsidenten Wladimir Putin einen Namen gemacht.

Nur wenige Tage vor dem angeblichen Überfall hatte Joyal einen prominenten Fernsehauftritt. Dem Sender NBC erklärte er da, dass die russische Regierung hinter der Ermordung Litwinenkos stecke. „Das war eine klare Warnung an alle, die sich öffentlich gegen den Kreml wenden wollen: Wenn du das machst – egal wer du bist und wo du bist, wir werden dich finden und zum Schweigen bringen auf die schlimmstmögliche Art und Weise.“

Viele wollen daher nicht glauben, dass Paul Joyal vier Tage später nur zufälligerweise Opfer eines Überfalls wurde; noch dazu in einem Vorort der US-Bundeshauptstadt, der als sicher gilt. Zudem hatte sich Joyal nur Stunden zuvor mit dem ehemaligen KGB-General Oleg Kalugin getroffen. Kalugin ist ein Freund der Familie. Worüber die beiden gesprochen haben, und worum es bei dem Treffen ging, wollte er nicht sagen.

Auch die Indizien, die anfangs für einen Überfall sprachen, schwinden. Die Polizei wies auf die fehlende Geldtasche und den verschwundenen Aktenkoffer hin. Doch jetzt fanden die Familienangehörigen die Brieftasche im Auto, auch der Verbleib des Aktenkoffers sei geklärt.

Auch FBI ermittelt

In einem kurzen Statement meinte die Ehefrau von Paul Joyal, Elizabeth, sie könne sich den Vorfall nicht erklären. Sie wollte aber nicht darüber spekulieren, ob der Kreml hinter dem angeblichen Überfall stecken könnte. „Wir haben wirklich keine Ahnung, es könnte auch ein willkürlicher Akt von Gewalt gewesen sein.“ Ein simpler Überfall, ergänzte Sohn Alex, sei als Erklärung aber zu wenig.

Paul Joyal ist laut Auskunft des Krankenhauses in kritischem Zustand. Mittlerweile ermittelt auch das FBI. Man sei „nach allen Seiten offen: Wir untersuchen einen Raubüberfall, ein Car-Jacking und andere Theorien“, erklärte ein Sprecher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2007)

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