Die 4. Infanterie-Brigade geht als Verstärkung in den Irak. Manche Soldaten haben schon ihre Beerdigung arrangiert.
Seattle. Die Uniform passt wie angegossen. Auf dem kahlgeschorenen Kopf sitzt ein schwarzes Barett mit dem Wappen der 4. Brigade, 2. Infanteriedivision. Der oberste Knopf des Hemdes ist ordnungsgemäß offen, die Springerstiefel sind eng geschnürt. Nur die Haltung des Soldaten lässt zu wünschen übrig: Beide Hände in der Hosentasche und das linke Knie abgewinkelt. Aber was erwartet man sich schon von einem Sechsjährigen?
Collin Odom hat an diesem Tag viel Spaß. Zum ersten Mal darf er die Uniform tragen, die ihm seine Eltern geschenkt haben. Aufgeregt läuft er auf dem Feld herum, einmal salutiert er flott. Für Collin ist Soldat-Sein ein Spiel; für seinen Vater bittere Wirklichkeit, wenn er in wenigen Tagen in den Irak gehen muss.
Sergeant Kirby Odom ist eines von 3800 Mitgliedern der 4. Infanteriebrigade, die jetzt ihren Marschbefehl erhielten. Im Zuge der Truppenaufstockung, die US-Präsident George W. Bush im vergangenen Jänner angekündigt hatte, schickt sie das Pentagon nach Bagdad oder Mossul – Details verrät man nicht –, um das Land sicherer zu machen. Keine leichte Aufgabe in einem Krieg, in dem die USA der Puffer zwischen zwei verfeindeten religiösen Gruppen sind, die lediglich ihr Hass auf die Amerikaner eint.
An diesem Tag bereitet das Militär den Soldaten der vierten Brigade einen feierlichen Abschied. Die Familien sind eingeladen zur einstündigen Truppenparade in Fort Lewis, etwa eine Autostunde südlich von Seattle (Washington). Ein General hat sich angesagt, ein Träger der „Medal of Honor“ ist hier und Dutzende Kinder, die nicht verstehen, warum ihre Mütter so betreten dreinschauen.
Angst und Realitätsverweigerung
„Ich habe Angst“, sagt Rachel McGee. Sie hat zwei Kinder und bald für ein Jahr keinen Ehemann mehr. Wenn sie Glück hat. „Natürlich haben wir über den Fall der Fälle gesprochen“, erzählt Rachel leise, damit es die vierjährige Somaya nicht hört. Darüber, was passiert, wenn der 21-jährige Antony im Einsatz fällt – so wie mehr als 3200 andere US-Soldaten seit der Invasion im Jahr 2003.
„Er hat sein Testament gemacht, dann haben wir über die Beerdigung gesprochen. Wie er sie haben möchte, welche Lieder wir spielen sollen und so.“ Rachel sagt das mit einer Nüchternheit, die einem den Hals abschnürt. „Man muss damit rechnen, dass etwas passiert. Ich beschäftige mich lieber jetzt schon damit.“
„Wir sind gut vorbereitet“
Andere verweigern die Realität, wie etwa Miranda, die Ehefrau von Kirby Odom. Sie werde keine Nachrichten schauen, so lange ihr Mann im Irak ist. „Wenn es einen Anschlag gibt, möchte ich mir nicht Sorgen machen müssen, ob er betroffen ist.“ Denn dann würde sie aus den Sorgen gar nicht mehr herauskommen: Es vergeht kaum ein Tag, an dem es keinen Anschlag im Irak gibt.
Ihr Ehemann ist zuversichtlich. „Wir haben hart trainiert und sind gut vorbereitet“, sagt Odom. „Sicher ist es gefährlich. Aber ich war Polizist, das ist auch gefährlich.“ Als er sich zur Armee gemeldet habe, sei ihm klar gewesen, dass er irgendwann werde kämpfen müssen: „Das ist unser Job, dafür werden wir ausgebildet.“ Wenn er jetzt in den Irak geschickt werde, sei das wie bei anderen Menschen, die mit der U-Bahn an ihren Arbeitsplatz fahren.
Miranda Odom hat eine Selbsthilfegruppe gegründet für die Familien der 4. Infanteriebrigade. Regelmäßig will man sich treffen und über die Ängste und Sorgen sprechen. Etwa darüber, wie schwer es ist, neben der Arbeit zwei Kinder großzuziehen, die Rechnungen zu bezahlen, sich um das Haus zu kümmern oder einfach nur den Rasen zu mähen, weil der, dessen Aufgabe das wäre, im Irak kämpft. „Das wird für uns ziemlich schwer“, meint Miranda und blickt auf den Sechsjährigen und die zweijährige Haley. „Ihr macht das schon“, meint Kirby.
Für die Kinder ist es anfangs besonders hart. „Dann vergessen sie, dass sie einen Papa haben“, erzählt Carol Lines, deren Ehemann schon zum zweiten Mal in den Irak muss. Der fünfjährige Samy hat zu Beginn täglich nach dem Vater gefragt. Nach einigen Wochen hörte er auf zu fragen, und später, als Alex nach zehn Monaten nach Hause kam, erkannte ihn sein Sohn nicht mehr. „Am Anfang hat er sich immer hinter seiner Mutter versteckt“, berichtet Alex etwas bitter lachend.
Wachsende Zweifel am Krieg
Wie soll man Samy auch erklären, wohin sein Vater jetzt wieder geht, ohne ihn völlig einzuschüchtern? Wie soll man dem Kind einen Krieg erklären, den selbst viele Erwachsene nicht verstehen, wie etwa Alma Dingle, die früher selbst in der Armee diente. Jetzt stellt sie in Frage, wofür diese Nation kämpft: „Wir führen einen Krieg, den niemand will. Wir haben dort nichts verloren.“
Alma war Ende 2003 für insgesamt acht Monate im Irak. „Gleich zu Beginn. Damals war es noch nicht so gefährlich wie heute. Wir hatten keine Verluste in der Truppe.“ Als sie zurückkam, verließ sie die Armee. Sie lernte Jamile kennen, sie heirateten und haben mittlerweile einen sieben Monate alten Sohn. „Dass er jetzt in den Irak muss, macht mir Angst, und es macht mich auch wütend. Ich glaube nicht an diesen Krieg.“
Die Pflicht des Soldaten
Jamile glaubt an ihn. Was bleibt dem 23-jährigen Sergeanten auch anderes übrig, als an das zu glauben, wofür er sein Leben aufs Spiel setzt? „Als Soldat kennen wir unsere Pflichten“, antwortet er zackig. Ob dieser Krieg wert ist, geführt zu werden, darüber verliert er keinen Gedanken. „Wir befolgen Befehle, und wir unterstützen unseren Präsidenten.“
Dafür spricht Generalleutnant James Dubik ihm und den hunderten anderen Soldaten der vierten Infanteriebrigade in einer kurzen Rede „den Dank der Nation“ aus. An jedem einzelnen Soldaten liege es jetzt, Geschichte zu schreiben. „Ihr werdet es gut machen“, meint Dubik motivierend, und die Familien klatschen, während die Soldaten regungslos im kalten Wind von Seattle stehen.
Zum Abschluss der Zeremonie singen sie alle gemeinsam das „Lied der Armee“. „First to fight for the right/ and to build the nation's might/and the Army goes rolling on.“ Collin salutiert.
Inline Flex[Faktbox] VIER JAHRE IRAKKRIEG. US-Soldaten im Einsatz("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2007)