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Scharfes Eingreifen

Zwei Weltkriege, zwei Republiken, eine Monarchie, einen faschistischen Ständestaat und eine totalitäre Gewaltherrschaft hat er erlebt: Maximilian Ronge, letzter Chef des k.u.k. Geheimdienstes. Eine österreichische Biografie.

Dass das Leben spannendere Geschichten schreibt, als man sie je erfinden könnte, ist ein Allgemeinplatz und nicht nur Schriftstellern bekannt. Selten aber trifft man auf den einleitenden Seiten eines wissenschaftlichen Werks auf eine Geschichte, die alle Elemente eines Thrillers in sich trägt: Eine junge Historikerin und ihr Kollege forschen zur Kriegsgefangenenproblematik im Ersten Weltkrieg und treffen immer wieder auf die Spuren eines geheimnisvollen Mannes, den sie das „Fußnotengespenst“ nennen: Maximilian Ronge, den letzten Chef des k. u. k. Geheimdienstes. Er zieht die Fäden im Hintergrund und gibt sie auch in der Republik nicht aus der Hand, konferiert und konspiriert über Epochen hinweg mit den höchsten Entscheidungsträgern des Staates, um dann als echter Meisterspion seine Spuren wieder zu verwischen. Doch während er so die Aufmerksamkeit der beiden Forscher erregt, hat er sich ihnen längst von unerwarteter Seite genähert: Gerhard Jagschitz, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, der ihre Diplom- und Doktorarbeiten betreut, ist der Enkel von Maximilian Ronge.

Das nun vorliegende Buch, Ergebnis dieser schicksalhaften Begegnungen, ist in mehrerlei Hinsicht einzigartig. Zum einen ist die Erforschung von Nachrichtendiensten für Historiker generell problematisch, da das systemimmanente Tarnen, Täuschen und Verschleiern sich nicht gerade förderlich auf die Quellenlage auswirkt. Auch Ronge hat 1918 und 1938 gezielt große Teile seines Aktenbestandes vernichtet. Die Implikationen einer Untersuchung dieses „wichtigen Kapitels der Herrschaftsanalyse“ und der Kommunikations- respektive Netzwerkstrukturen „politischer, ökonomischer und militärischer Macht“ sind jedoch von weitreichender und hochaktueller Bedeutung – und das nicht nur, was gegenwärtige Debatten über Aktivitäten der CIA im sogenannten „Kampf gegen den Terror“ betrifft. Es geht um nichts weniger als die Frage, welcher Zweck welches Mittel heiligt, oder anders formuliert, wie viel Geheimhaltung eine offene Gesellschaft verträgt. In diesem jungen Forschungsgebiet bezeichnen die Autoren ihre Auseinandersetzung mit der Karriere des Maximilian Ronge bescheiden als einen „Anfang“ – man könnte getrost von einem Meilenstein sprechen.

Was aber bedeutet es für einen Historiker, mit seinem „Forschungsgegenstand“ verwandt zu sein, sodass private Erinnerungen (Ronge starb, als sein Enkel Gerhard 13 Jahre alt war) zwangsläufig mit dem Faktenwissen interferieren? Eine Frage, der sich Jagschitz vorbehaltlos stellt: „Meine in 40 Jahren erworbene Position eines Historikers steht angesichts der Subjektivität auf dem Prüfstand.“ Hier eröffnet sich eine ganz allgemeine Frage: Könnte nicht ähnlich wie in der Ethnopsychoanalyse, wo der Wissenschaftler seine Subjektivität in seiner Arbeit reflektiert, auch in der Zeitgeschichte generell die verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit der Frage, wie „mit persönlicher Nähe und professioneller Distanz“ umzugehen sei (wie hier eindrucksvoll gezeigt), ein besser geeigneter Weg der Objektivierung sein als die Verleugnung derselben?


Geheimtinte und Oberst Redl

Von der Geburt Ronges 1874 bis zu seinem Tod 1953 umfasst diese Biografie zwei Weltkriege, zwei Republiken, eine Monarchie, einen faschistischen Ständestaat und eine totalitäre Gewaltherrschaft, die man, zweifellos auch durch das Zäsurhafte all dieser Umbrüche, allzu oft als streng voneinander geschieden wahrzunehmen pflegt. Aber die Monarchisten waren nicht mit einem Schlag weg, ebenso wenig wie die Nazis mit einem Schlag da waren. Und manche Entwicklungen gingen konträr auseinander, wie die von Ronge und seinem k.u.k. Offizierskameraden Theodor Körner, der zum Sozialdemokraten und somit erbitterten Widersacher wurde.

Maximilian Ronge, der an seine Zeit als Musterschüler eine glänzende Offizierskarriere anschloss, trat 1907 seinen Dienst im Evidenzbüro des Generalstabs an, der Zentrale des k. u. k. Geheimdienstes. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten dort gezählte 15 Männer, dazu kam eine Handvoll Offiziere der in der Monarchie verstreuten Kundschaftsstellen – mehr Geheimdienstler hatte die Armee des Riesenreiches nicht aufzubieten. Man experimentierte mit Geheimtinten und ausgehöhlten Spazierstöcken zur Übermittlung geheimer Nachrichten, litt an schlechter Organisation und dilettantischen Agenten, der Kundschaftsdienst gegen das benachbarte Zarenreich war so gut wie eingestellt. Hier leistete der bürokratisch pingelige Ronge Pionierarbeit, und wie notwendig das war, sollte nicht zuletzt durch die schlimmste Panne des k. u. k. Geheimdienstes, der Affäre um den Doppelspion Redl 1913 sichtbar werden. Welchen Einfluss hatte auf Ronge die schockierende Erkenntnis, dass „der Feind“ direkt vor seiner Bürotür in Gestalt seines hochgeschätzten Lehrers und Vorgesetzten zu finden war?

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs jedenfalls schlägt die fortschreitende Professionalisierung der Spionageabwehr in regelrechte Paranoia vor „staatsfeindlichen Elementen“ um. Unter dem Titel der „Kriegsnotwehr“ wird gelyncht, hingerichtet, justifiziert. Ronge plädiert für „scharfes Eingreifen“ und „unbarmherzige Strenge“, selbst nach 1945 hält er noch an einer durch die Staatsräson legitimierten Gewalt fest. Seine Feindbilder im Namen des Patriotismus sind klar definiert: die Sozialdemokratie – und die abtrünnigen Nationalitäten des Vielvölkerstaates. Durch besondere Grausamkeit gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Verrätern dürfte man in vielen Fällen das Problem, das man bekämpfen wollte, erst befördert haben. 1917 erreicht Ronge den Höhepunkt seiner Macht: Er wird zum Oberst und Chef der Nachrichtenabteilung des Armeeoberkommandos und des Evidenzbüros ernannt. Doch das System, auf dessen Restauration er bis an sein Lebensende hofft, ist bereits zum Untergang verurteilt.

Der Zusammenbruch und das Auftauchen einer neuen sozialen Kategorie, der „Masse“, ist nicht zuletzt für die Vertreter des Bürgertums, das sich neben der Aristokratie zur neuen Elite hatte hocharbeiten können, traumatisch. In Ronges Bibliothek sammeln sich Werke zu gängigen Verschwörungstheorien: Als Schuldige identifiziert werden die Freimaurer, die Juden und die Bolschewisten. Gemeinsam mit anderen illustren altösterreichischen Honoratioren wird Ronge Mitglied einer Geheimgesellschaft, deren Ziel es ist, die sozialdemokratisch geführte Regierung zu stürzen. Nach der Auflösung des Militärgeheimdienstes wird Ronge 1920 stellvertretender Leiter des „Kriegsgefangenen- und Zivilinternierten-Amtes“, wo er sich einerseits um die Repatriierung der auf dem Territorium des ehemaligen Romanow-Imperiums verbliebenen Österreicher kümmert und sich gleichzeitig in den Besitz einer Fülle von Informationen zur Entwicklung des Bolschewismus bringt.

In den folgenden Jahren schreibt er zwei Bücher über die Kunst der Spionage, er hält Lehrgänge für den Spionagenachwuchs ab, ist als Leiter des Matrikenamtes im Bundeskanzleramt tätig und kümmert sich hinter den Kulissen um die Organisation der rechten bewaffneten Gruppierungen mit strategischer Ausrichtung auf Putsch und Bürgerkrieg. 1932 wird der drahtige kleine Mann mit dem sorgfältig hochgezwirbelten Schnurrbart in Pension geschickt, geht aber als „Hausgespenst des Bundeskanzleramtes“ nach wie vor dort ein und aus. Das Regime führt einen Zweifrontenkrieg gegen Rot und Braun. Auch Ronge hält die Repressionsmaßnahmen des faschistischen Ständestaates für gerechtfertigt, vor jener Menschenverachtung aber, die sich im Nationalsozialismus abzeichnet, macht er Halt.


Ins KZ Dachau deportiert

Diese österreichische Besonderheit des autoritären, katholisch-konservativen Widerstands gegen eine politische Strömung, die auf den ersten Blick ähnliche Mittel einsetzt und ähnliche Ziele verfolgt, was in der Einordnung in die gegenwärtigen Kategorien von Gut und Böse immer wieder Schwierigkeiten bereitet, wird hier noch einmal anschaulich aufgerollt. Als im Februar 1934 der Bürgerkrieg ausbricht, kehrt Ronge als Leiter eines neu gegründeten staatspolizeilichen Evidenzbüros ins Bundeskanzleramt zurück. Doch der Meisterschnüffler versagt: Als Dollfuß von Putschisten einer illegalen SS-Standarte erschossen wird, sind die Sicherheitsbehörden alles andere als vorbereitet.

Mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen 1938 erlebt Ronge am eigenen Leib, was „scharfes Eingreifen“ bedeutet: Mit einer Reihe hochrangiger Politiker wird er in einem gespenstischen „Prominententransport“ ins KZ Dachau deportiert, später ist er in München inhaftiert. Nach dem Krieg hilft er bei der Entnazifizierung, ist an den geheimen Vorbereitungen zur Aufstellung eines neuen österreichischen Bundesheeres beteiligt und arbeitet mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammen. Der Tod reißt den 79-Jährigen mitten aus der Arbeit: Er ist mit dem Aufbau einer österreichischen Heeresspionageorganisation befasst.

Und was ist mit dem Privatmann Ronge – oder: „Kann man eine Ethik der Pflicht und eine Ethik des Privaten trennen?“, wie sein Enkel Gerhard Jagschitz fragt? In der Kindererziehung hielt es der Oberst, wie in seiner Generation üblich, mit den schönen Begriffen Pflicht und Strenge, die in die unschönen Maßnahmen körperliche Gewalt und seelische Demütigung umgesetzt wurden. Nicht anders wurde in der militärischen Ausbildung verfahren. Vielleicht, fragt man sich, wäre die offene Gewalt in den Kriegsinszenierungen zu verhindern gewesen, hätte man sie schon in den Kinderzimmern gestoppt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2007)