Rekord-Übernahme: Rennen um ABN Amro ist eröffnet

Britische Barclays hat größte Chancen auf Deal des Jahres.

AMSTERDAM. Das Startsignal im Wettlauf um die größte Bankenfusion der Welt ist gefallen: Die niederländische Großbank ABN Amro und die britische Barclays Bank haben offiziell bestätigt, dass sie „exklusive Gespräche“ über eine Fusion führen. Damit bestätigten ABN Amro und Barclays die seit Sonntag kursierenden Marktgerüchte. Diese hatten den Kurs der ABN-Amro-Aktie am Montag um rund zehn Prozent, am Dienstag eröffnete das Papier an der Amsterdamer Börse um über vier Prozent höher. Damit übersteigt der Börsenwert der ABN Amro erstmals die Grenze von 60 Mrd. Euro und reicht damit schon nahe an den von Barclays heran, die mit 65 Mrd. Euro bewertet ist.

Die Verhandlungen zwischen den beiden Banken laufen dem Vernehmen nach schon „einige Wochen.“ Allerdings stehen sie unter Zeitdruck, da am 26. April die Hauptversammlung der ABN Amro stattfindet. Bis dahin müssen sie abgeschlossen sein.

Wäre fünftgrößte Bank der Welt

ABN Amro gilt als besonders attraktiv, weil die Aktie als unterbewertet eingestuft wird, zudem dürfte die Bank noch Rationalisierungspotenzial haben. Sollte die Fusion gelingen, entstünde die hinter der britischen HSBC zweitgrößte Bank Europas mit einem Börsewert von 125 Mrd. Euro. Sie wäre auch eines der fünf weltgrößten Kreditinstitute, hätte 47 Millionen Kunden und 220.000 Mitarbeiter sowie eine Bilanzsumme von weit über zwei Billionen Euro.

Am Markt wird allerdings darauf spekuliert, dass sich nun auch andere europäische Großbanken für ABN Amro interessieren und eine Übernahmeofferte legen. Genannt werden immer wieder die beiden spanischen Bankriesen Santander und BBVA, die Royal Bank of Scotland, die französischen Banken BNP Paribas, HSBC und Citigroup und die Société Générale sowie der niederländische Finanzkonzern ING.

Nach Ansicht der Londoner Brokerfirma Keefe Bruyette & Woods kommen die beiden genannten französischen Banken aber nicht in die engere Auswahl. Sie hätten nur als „weiße Ritter“ am Bieterrennen teilgenommen, um eine feindliche Übernahme der ABN Amro zu verhindern.

Auch die Übernahme der ABN Amro durch ING gilt als schwierig, weil sie auf Widerstände der Wettbewerbsbehörden stoßen dürfte. Eine solche Kombination würde nämlich die Märkte der Benelux-Ländern beherrschen.

Analysten setzten auf Barclays

Die niederländische Aktionärsschutzvereinigung VEB befragte Analysten internationaler Banken wie Bear Stearns, Deutsche Bank oder Lehman Brothers zu möglichen Übernahme-Szenarios. Aus dieser Umfrage geht hervor, dass 39 Prozent der Analysten die Fusion mit Barclays für wahrscheinlich halten. 25 Prozent setzen auf die Bank of Scotland. Elf Prozent denken, dass sich HSBC oder Citigroup die Chance nicht entgehen lassen, ABN Amro zu kaufen.

Im Falle einer Übernahme durch Barclays wird ein Höchstpreis von 32,70 Euro je Aktie erwartet, im Falle eines Bieterkampfes ein Kurs von bis zu 38 Euro für möglich gehalten. Einig sind sich die Analysten darin, dass der laufende Konsolidierungsprozess in der europäischen Finanzbranche durch die Übernahme erheblich beschleunigt würde. Die ABN Amrobank hat derzeit vier Heimatmärkte. Das sind neben den Niederlanden, der Mittlere Westen der USA, Brasilien und Italien, wo die Niederländer im vergangenen Jahr die Banca Antonveneta für rund sieben Mrd. Euro erworben haben.

Die Wurzeln der ABN Amro reichen bis ins Jahr 1824. Damals gründete König Willem I. die „Nederlandsche Handelsmaatschapij“ (Niederländische Handelsgesellschaft, NHM). Im Jahr 1964 fusionierte die NHM mit der Algemeene Bank Nederland (ABN) und der Twentsche Bank zur ABN Bank. 1991 fusionierte die ABN Bank mit der Amsterdam Rotterdam Bank (Amro) zur ABN Amrobank.

Inline Flex[Faktbox] BARCLAYS: 317 Jahre("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2007)

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