„Erst wenn Al Gore 15 Kilo abnimmt, wird es ernst“

USA. Vom Langeweiler zur Kultfigur: Ruf nach Präsidentschaftskandidatur Gores.

WASHINGTON. Da steht er, wie eine Statue ohne Sockel. Ein erstarrtes Lächeln im Gesicht, die Haare zurückgekämmt, die Hände an der Hosennaht fast wie in Habt-Acht-Stellung, das Sakko etwas zu kurz. Al Gore wartet auf seinen Auftritt, als plötzlich jemand schreit: „Run, Al, run.“ Wie auf Befehl hebt er die rechte Hand, winkt einmal, das Lächeln wird kurz breiter, dann erstarrt er wieder zur Statue.

Der Ruf zu kandidieren ist zur neuen Begrüßung für den ehemaligen US-Vizepräsidenten geworden. Gerade an diesem Tag, an dem er im Kongress über die Erderwärmung spricht. „Permanent hat man ihn gefragt, ob er kandidiert, dass er kandidieren soll oder warum er nicht kandidieren will“, erzählt ein Mitarbeiter Gores.

Wenn man ihn so stehen sieht, versteht man, warum er zögert. Der Cola-Automat am Ende des Gangs hat ungefähr gleich viel Ausstrahlung. Doch es geht weniger um Charisma, das Al Gore plötzlich populär macht, sondern um eine in Zeiten von Style-Beratern und Medien-Arrangeuren fast schon vergessene Eigenschaft von Politikern: ihre Politik.

Wachsende Anhängerschaft

Hier ist jemand, der von einem Thema überzeugt ist, es für wichtig hält und sich unermüdlich dafür einsetzt, den Menschen das Problem bewusst zu machen. Mit seinem Engagement gegen die Erderwärmung hat sich der 58-Jährige eine treue Gefolgschaft gemacht, nicht nur bei Basisdemokraten, sondern auch bei der größer werdenden Zahl umweltbewusster Amerikaner. Dass die Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ über seine Powerpoint-Präsentation zum Klimawechsel noch dazu mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, machte ihn zur Kultfigur der grünen Bewegung.

Aus New York ist eine Busladung voll Jugendlicher angereist, um Gores Vortrag vor dem US-Senat zu hören. „Er macht einen Unterschied“, erklärt Susan, die tatsächlich einen kleinen Kranz aus Blumen auf dem Kopf hat. „Nicht nur wegen der Umwelt. Mit ihm als Präsident würde Amerika besser dastehen.“ Das glaubte auch „Titanic“-Regisseur James Cameron, der Gore neulich bei einer Preisverleihung anflehte: „Zum Wohle unserer Kinder, kandidieren Sie für die Präsidentschaft.“ Gore reagierte mit dem üblichen unverbindlichen Lächeln.

„Er hat uns Wahl gekostet“

Er werde nicht antreten, ließ er wiederholt wissen. Das sei auch besser so – „er hat uns schon einmal die Wahl gekostet, dieser Langeweiler“, erregt sich ein anderer Jugendlicher. Viele machen Gore persönlich und nicht das Wahlchaos samt Höchstrichterentscheidung dafür verantwortlich, dass Bush im Jahr 2000 die Präsidentschaft übernahm. Denn Gore hatte bei der Wahl in seinem Heimatbundesstaat Tennessee verloren. Hätte er zu Hause gewonnen, wäre er Präsident – trotz Florida.

Wie sehr das noch immer an ihm nagen muss, wissen nur engste Vertraute. Laut einem Zeitungsbericht soll er jedenfalls einem Freund gesagt haben, er wolle sich die Politik nicht mehr antun. Doch die Rufe sind beständig und werden lauter. Auf einer Webseite draftgore.com hoffen Anhänger, mit genügend Unterstützern den Ex-Vizepräsidenten zu einer Kandidatur einzuberufen („draft“).

Lachender Dritter?

Dass Gore „zieht“, zeigte jüngst eine Umfrage zu potenziellen Präsidentschaftskandidaten für das Jahr 2008: In der Gunst demokratischer Wähler lag er an dritter Stelle, hinter Barack Obama und Hillary Clinton. Manche Strategen sehen in Gore den idealen Kompromisskandidat, falls sich Clinton und Obama gegenseitig zerfleischen. Dann könnte er auch spät ins Rennen um die Präsidentschaftsnominierung einsteigen.

Was Al Gore tatsächlich plant, kann man vielleicht schon bald an seiner mittlerweile recht ansehnlichen Körperfülle ahnen. „Wenn er 15 bis 20 Kilo abnimmt“, meinte eine Mitarbeiterin, „dann wird es mit einer Kandidatur ernst.“

Inline Flex[Faktbox] DER LANGE WEG INS WEISSE HAUS("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2007)

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