Christian Thielemann und die Philharmoniker mit Bruckner.
„Wahrscheinlich werden Sie nie wieder ein Orchester so spielen hören. Aber jetzt wissen Sie, dass es möglich ist!“ Der Satz eines altgedienten New Yorker Musikkritikers, gesprochen zu einem jungen Kollegen nach einer Aufführung der Achten Bruckner in der Carnegie Hall, ist mir unvergesslich. Da war Herbert von Karajan am Pult der Wiener Philharmoniker gestanden. Was damals zu spüren war, die völlige Harmonie zwischen einem Dirigenten und einem Orchester, stellte sich jüngst im Musikverein wieder ein. Christian Thielemann hat das Herz der Wiener Musiker erobert. Es wäre untertrieben, wenn man die Phrase gebrauchte, sie läsen dem Maestro jeden Wunsch von Händen und Augen ab.
Tatsächlich „liest“ der Musikant bei solchen Gelegenheiten nicht. Er hört. Er erlauscht die Musik und ihren Entwicklungsgang aus dem, was jeweils gerade verklang, und dem, was notwendig nun folgen muss. Der Hörer wird da eines schöpferischen Prozesses teilhaftig, vielleicht vergleichbar mit der Überlegung des Komponisten, welche Note nach der vorher geschriebenen nun folgen müsse.
Die Philharmoniker kennen Bruckners Achte, lieben das Werk als den Gipfelpunkt der Symphonik. Höhere Klangtürme hat keiner errichtet, weiter geschwungene Linien keiner gesungen, ausladendere Architektur ist in Tönen nicht gedacht worden. Thielemanns Größe definierte sich vielleicht daraus, dass er nichts anderes sein will als der kundige Führer durch die Geheimnisse von Bruckners formaler Meisterleistung, dass er die Musiker nicht nur dazu animiert, ihren schönsten, weichsten, strahlendsten Klang zu entfalten, sondern, diese Klänge auch subtil auszuhören als notwendigen Teil der symphonischen Gesamtentwicklung. Was in den gewaltigen Steigerungsbögen, wie Opernakte weit geformt und auf Punkt und Beckenschlag sich erfüllend, dem Publikum kollektiv den Atem stocken lässt, erweist sich auch in den kleinsten Nuancen und Übergängen: Technische Fragen stellen sich da keine mehr.
Das Ideal vom wienerischen Klang
So selbstverständlich, wie die Musiker makellos aufspielen, wie Blechbläserakkorde brisant wirken, ohne die runde, ja, sagen wir ruhig wienerische Tonschönheit zu verlieren, so schlägt Thielemann, was kaum möglich scheint, den langsamen Puls des Adagios tatsächlich auf vier – braucht keine Unterteilung, um auch das sanfte Zurückhalten am Ende der Phrase ganz natürlich und vor allem: eines Sinnes zum Klingen zu bringen.
Vielleicht ist das Wesen der Sternstunde auch, dass plötzlich ganz einfach scheint, was an das Höchste rührt. Gottgegeben, hätte Bruckner wohl gesagt. Die Philharmoniker haben uns dank ihrer Zuneigung zu Christian Thielemann wieder einmal – und wieder mit Bruckners Achter – daran erinnert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2007)