Am Tisch herrscht eisiges Schweigen

Ich bin dem Online-Poker verfallen. Oder besser gesagt: ich war – und zwar am vergangenen Mittwoch, exakt von 18 bis 23 Uhr.

Meine Frau weiß es noch nicht, wird es aber wohl bald erfahren: Ich bin dem Online-Poker verfallen. Oder besser gesagt: ich war – und zwar am vergangenen Mittwoch zwischen 18 und 23 Uhr. Ich habe dabei auch ein hübsches Sümmchen verspielt, nämlich rund neun Dollar, obwohl ich gut vorbereitet war. Zumindest hatte ich das geglaubt.

Ich bin da kein Einzelfall. Bei Partypoker, dem Weltmarktführer, melden sich pro Tag im Schnitt 2300 neue Spieler an. Das ist so, als würde täglich eine ganze Gemeinde von der Größe von St.Anton am Arlberg in das Internet-Lager der Pokerspieler eintreten. Und dabei sind da gar keine Spieler aus den USA dabei, denn seit letztem Oktober ist dort Online-Poker als illegales Glücksspiel verboten.

Es ist erstaunlich leicht, Mitglied der Gemeinde zu werden. Einzige Voraussetzung: 18 muss man sein, aber überprüft wird das nicht. Das Herunterladen der nötigen Software dauert weniger als eine Minute, man sucht sich einen Spielernamen aus, legt ein Passwort fest, überweist per Kreditkarte einen Betrag auf sein neues Konto und bekommt, fast schon bevor man die Enter-Taste berührt hat, ein Bestätigungsmail.

337.000 Einzelpersonen haben im vergangenen Quartal bei Partypoker gespielt, das sind fast fünfmal soviel wie vor zwei Jahren. Spätestens nächstes Jahr, so schätzt das Glücksspiel-Beratungsunternehmen GBGC, wird Online-Poker den diversen Betreibern mehr einbringen als die klassischen Casino-Spiele. Dabei gab es noch 2003 so gut wie keine Umsätze beim virtuellen Pokern. Die Branchenexperten erklären, dass der aktuelle Boom damit zusammenhängt, dass man in den Online-Spielzimmern auch ganz ohne echtes Geld üben kann.

Auch ich habe ein solches Trockentraining absolviert. In der „größten Pokerschule der Welt“, wie Partypoker seine Übungstische nennt, kann man entweder nur gegen den Computer oder aber auch gegen Hunderte sich dort tummelnde Anfänger spielen. Man sitzt am grünen Tisch als Avatar, die wenigen Damen sind durch üppigere Frisuren und ausladende Oberweite von den Herren zu unterscheiden. Weil es nur um Punkte geht, riskieren die Spieler zu viel, und manche fahren Strategien, die sie ihrem echten Geld nie zumuten würden: Manche setzen beispielsweise bei halbwegs guten Austeilungen sofort ihr ganzes Punktevermögen (sie gehen All-in, wie es in der Fachsprache heißt). Das geht auf Dauer nicht gut, aber manchen macht's offensichtlich Spaß.

Wenn dann einer wie ich dumm genug ist, sich für reif für die wirkliche Erwachsenen-Pokerwelt zu halten, nur weil er in der Krabbelstube mehrheitlich zu den Gewinnern gehört, steigt er um. Und da schaut es dann schon anders aus. Täglich besuchen mehr als 58.000 Spieler Partypoker, und zumindest ein paar Hundert von ihnen tun dies, um sich dort den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sind auf der Suche nach leichter Beute. Daher haben manche Anbieter Anfängerzonen eingerichtet, wo nur Leute spielen können, die erst vor Kurzem ein Pokerkonto eröffnet haben.

Zugehen tut es dabei wie im echten Casino. Während Online-Spieler anderer Disziplinen, etwa bei Bridge oder Schach, unentwegt chatten („Where does everybody come from? – Oh, Austria, lovely. Is there winter or summer now?“), herrscht am Pokertisch eisiges Schweigen. Selten, dass einmal einer „vnh“ (für very nice hand) knurrt, wenn der Gegner einen Royal Flush gezeigt hat. Wer die Menschen sind, die sich da Pokermaxe7 oder Fjodoro oder Schnecke3000 nennen, bleibt einem völlig verborgen.

Vom Telefonsex zum Pokertisch

Die Namen der wahren Gewinner klingen übrigens auch fast so, als wären es Noms de Guerre: Anurak Dikshit, Ruth Parasol und Russ DeLeon. Das sind die Hauptaktionäre der 1997 gegründeten Partygaming Plc., der Muttergesellschaft von Pokerparty. Parasol hatte wie schon ihr Vater mit dem Aufbau und Verkauf von Telefonsex-Firmen viel Geld gemacht und brachte dieses sowie Business-Expertise ein. Dikshit (der Name ist eine Hypothek, kaum ein anderes Wort der englischen Sprache hat so viele Bedeutungen der übelsten Sorte) steuerte die Software bei und Parasols Ehemann DeLeon, ein prominenter Rechtsanwalt, das juridische Know-how. Dikshit gehört auch heute noch zu den 40 reichsten Indern, obwohl seine Partygaming-Aktien dramatisch an Wert verloren, als Washington das Online-Pokern verbot. 80 Prozent der Kundschaft ging damals verloren, weil Partypoker es nicht auf einen Rechtsstreit ankommen lassen wollte („we respectfully disagree“, erklären sie im Geschäftsbericht very british zu den amerikanischen Regulationen) und – anders als manche Konkurrenten – von sich aus US-Spieler ausschloss. Seitdem sind aber die Europäer stark im Kommen.

Dikshit, Parasol und DeLeon wohnen heute in Gibraltar, wo auch ihr mittlerweile börsenotiertes Unternehmen residiert. Von der vergleichsweise exotischen Location sollte aber nicht auf unseriöse Geschäftspraktiken geschlossen werden. Immerhin ist der Konzern auch in Alderney, Bulgarien, den Bermudas und Antigua registriert.

Seriosität wird im virtuellen Kartencasino sehr ernst genommen – denn nur wo viele Spieler sind, rollt der Dollar. Und nur dort sind viele Spieler, wo der Anbieter einen guten Ruf hat. Was natürlich nicht heißt, dass Online-Gambling gefahrlos ist. Unheil kommt dabei nicht nur von den erfahrenen Spielern, die fast jeden Neuling recht schnell knacken (außerhalb der Anfänger-Lounge muss man damit rechnen, dass an jedem Tisch im Schnitt ein bis zwei Profis sitzen). Wirklich unangenehm ist die Tatsache, dass der anonyme, anstrengungslose Eintritt in die Spielstätten des Internets eine bis dahin nur glimmende Spielsucht anfachen kann. Man kann sich zwar selbst sperren lassen, aber eine sehr effiziente Hilfe scheint das für Süchtige nicht zu sein.

Wer sich im Griff hat, muss allerdings nicht befürchten, nach dem ersten Ausflug ohne Hemd und Hose dazustehen. Das ist das Gute am Poker: Man kann mit Limit spielen. Wenn da der Grundeinsatz etwa nur fünf Cent beträgt, kann man mehr als 40 Cent auf einmal gar nicht setzen. Die Gefahr ist nur, und wer wüsste das besser als ich, dass man dann zwei Stunden dasitzt und dann um mickrige 13 Cent reicher geworden ist. Also probiert man es ein paar Stufen höher und stellt erstaunt fest, dass dort die anderen gleich aggressiver und kontrollierter spielen. Außerdem, und das habe ich erst hinterher erfahren, gibt es Zusatzprogramme, die simultan die Mitspieler und die aktuelle Spielsituation analysieren. Wer das hat, muss nicht mehr im Kopf die Chancen ausrechnen. Wer das nicht hat, ist schnell neun Dollar ärmer, die irgendwo im Haushaltsbudget wieder eingespart werden müssen. Kürzen wir halt den Kindern das Taschengeld, die kaufen sich ohnehin nur irgendwelche dummen Computerspiele. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2007)

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