Boeing. Bald soll die erste Boeing 787, das modernste Passagierflugzeug der Welt, Testflüge absolvieren. Damit will der US-Hersteller das Modell A380 seines europäischen Konkurrenten Airbus ausstechen.
Seattle. Es ist bemerkenswert, wie wenig Lärm es macht, ein Flugzeug zu bauen. Fast in aller Stille wird die Boeing 777 zusammengesetzt: Da ein Flügel, dort ein Fahrwerk, die Fenster, die Triebwerke. In der gigantischen Halle ist es zweifellos leiser als draußen vor der Hangartür, wo der Freeway 526 vorbeiführt.
Nur ganz am Ende der „weltweit größten Halle“, wie Boeing stolz vermerkt, hämmert und werkt man laut vernehmlich. Arbeiter legen letzte Hand an die künftige Fertigungsstätte der Boeing 787. In wenigen Monaten soll hier mit dem Zusammenbau des modernsten Passagierflugzeugs der Welt und der großen Hoffnung von Boeing begonnen werden.
Drei Tage für eine 787
Sechs Montagestrecken beherbergt die 1100 Meter breite Fabrikhalle in Everett, etwa 50 Kilometer nördlich von Seattle (US-Bundesstaat Washington). 25.000 Arbeiter setzen hier täglich die Flugzeuge des Typs 747, 767 und 777 zusammen: Sieben 777 schaffen sie pro Monat, falls es die Auftragslage verlangt – was bei dem Typ allerdings schon lange nicht mehr der Fall war–, oder bald jeden dritten Tag eine 787. Und das wird auch nötig sein.
Knapp 500 Vorbestellungen hat Boeing bereits für sein jüngstes „Kind“. Der „Dreamliner“ ist ausverkauft bis zum Jahr 2013 – falls man den Zeitplan bei der Fertigstellung einhalten kann. Der europäische Konkurrent Airbus war mit der Produktion seines Superjumbos A380 gehörig ins Trudeln geraten. Das soll bei Boeings neuer Langstreckenmaschine nicht passieren. Man sei exakt im Plan, versichert man wenig überraschend beim Firmensitz in Chicago.
Im Juli werde die erste 787 die Produktionshalle in Everett verlassen und im August zu Testflügen starten. Die Auslieferung an die Kunden soll im Mai 2008 beginnen.
Alles in Everett steht im Zeichen des neuen Flugzeugs. Man hat eigens ein riesiges Fließband in die 40 Jahre alte Halle eingebaut, auf dem der „Dreamliner“ langsam von Station zu Station geschoben werden wird.
Flügel aus Japan
492 Meter braucht es, um aus ein paar Rumpfteilen ein fertiges Flugzeug zu machen. Um die Fertigungszeit von lediglich 72 Stunden einzuhalten, hat Boeing die Herstellung der einzelnen Teile auf die ganze Welt verteilt. Die 787 wird wie ein Fertigteilhaus angeliefert und in Everett nur noch zusammengesteckt.
Der Heckflügel kommt beispielsweise aus dem US-Bundesstaat Washington. Die Flügel werden in Japan produziert; die Stabilisatoren kommen aus Italien, der Rumpf teils aus Italien, teils aus dem US-Bundesstaat South Carolina und aus Kansas. Die Türen werden in Schweden hergestellt, das Fahrgestell in Frankreich produziert.
Kommende Woche soll der erste große Teil der 787, ein Stück des Rumpfs, in Everett eintreffen. Das Segment, das etwa ein Drittel der Gesamtlänge des Flugzeugs von 56,7 Meter ausmacht, wird aus South Carolina eingeflogen.
Eigens für den Transport von Flügel und Rumpf hat Boeing sogar ein neues Transportflugzeug gebaut– eine modifizierte 747, die draußen vor dem Hangar auf dem Rollfeld steht. Der grünlich angemalte Jumbo hat dreimal so viel Fassungsvermögen wie eine normale 747 und ist unumstritten das hässlichste Flugzeug, das jemals geflogen ist. Dafür gab man ihm den schönen Namen „Dreamlifter“.
Airbus Konkurrenz machen
Wann genau man mit dem Zusammenbau der ersten 787 in Everett beginnen wird, will man nicht sagen. Vermutlich Anfang Mai „denn der Bau der ersten Maschine wird zweifellos nicht in drei Tagen zu bewerkstelligen sein“, meinte eine Boeing-Sprecherin.
Mit der 787 will der US-Konzern Boeing die in Entwicklung befindliche Konkurrenzmaschine A350 des europäischen Flugzeugherstellers und Erzrivalen Airbus ausstechen, die erst 2013 fertiggestellt sein wird.
Man habe bewusst nicht auf einen Superjumbo a la A380 gesetzt, weil die Nachfrage nach so großen Maschinen (der A380 kann bis zu 853 Passagiere transportieren) gering sei. Boeings „Dreamliner“ ist für 210 bis 330 Personen ausgelegt. „Ich habe noch nie von einer Fluggesellschaft gehört, die sich über einen ausverkauften Flug beschwert hat.“ Bisher hat noch keine US-Linie einen A380 bestellt, dafür aber insgesamt 113 vom 787.
Teuerste Variante: 188 Mio. $
Im Listenpreis von 138 Millionen Dollar für die billigste und 188 Millionen Dollar für die teuerste Variante ist für die Kunden übrigens auch einer der Schiffscontainer enthalten, die sich vor der Fabrikhalle in Everett stapeln. Sie sind bis oben hin voll mit Bedienungsanleitungen und Handbüchern.
Inline Flex[Faktbox] FLUGZEUGINDUSTRIE: Harter Wettkampf("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2007)