Essen. Billa, Spar, Adeg nehmen Kaninchenfleisch aus den Regalen, Spitzenkoch Jörg Wörther nimmt Thunfisch von der Speisekarte. Wird Genuss politisch korrekt?
Was sagt der Hausverstand? Die Frage, mit der Billa derzeit Konsumenten „ins Gewissen wirbt“, musste sich die Supermarkt-Kette unlängst selbst gefallen lassen: Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten legte dem Rewe-Konzern (Billa, Merkur) Filmmaterial vor, das die Auswirkungen von Käfighaltung auf Kaninchen zeigt (hohe Krankheits-und Todesrate). Die Konsequenz: Kaninchenfleisch wurde mit Donnerstag in Österreich aus den Regalen verbannt und wird demnächst verbrannt. Wenig später kündigten auch Spar (ab 10.4.) und Adeg ihren Ausstieg an. Mit dem Wiener Nobel-Supermarkt Meinl am Graben gibt's zumindest Gespräche. Geschäftsführer Udo Kaubek bestätigt: „Wenn Vier Pfoten für uns einen Alternativ-Anbieter findet, warum nicht?“
Bei den Tierschützern ist man vom Erfolg angetan, aber „überrascht“: „Es ist“, sagt Sprecher Marco Flammang, „sehr schnell gegangen.“ Schnell genug, dass man von einer Trend-Wende sprechen kann? Ja und nein, meinen die Experten. Denn klar ist: Der Verzicht auf Kaninchenfleisch trifft auf Grund des eher geringen Absatzes (in Österreich werden jährlich 500.000 Kaninchen gegessen) weder Ketten noch Konsumenten besonders hart.
Trotzdem sei es mehr als ein Marketing-Gag, sagt Peter Schnedlitz, Leiter des Instituts für Handel und Marketing an der Wirtschaftsuni Wien: Die Konzentration am Markt führe heute dazu, dass sich die Firmen ihrer ethischen Verantwortung bewusster würden. Vor allem, weil sich die Konsumenten auch zunehmend für korrektes Verhalten der Unternehmen interessierten – meint zumindest Karl Kollmann, Konsumforscher der Arbeiterkammer Wien.
Von Hollywood bis Wien
Ein Trend, der auch in der Gastronomie zu spüren ist. Wirksam in Szene gesetzt wurde er vom Hollywood-Koch Wolfgang Puck, der nur noch Produkte aus biologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung verwendet. Auf den Tellern österreichischer Spitzengastronomen wie Jörg Wörther (Carpe Diem in Salzburg) und Liesl Wagner-Bacher (Landhaus Bacher) landet schon lange ausschließlich Fleisch von „glücklichen Tieren“. Seine Stopfleber bezieht Wörther aus einem ungarischen Betrieb, in dem die Gänse nicht mit einer Metallröhre zwangsgemästet werden. Stattdessen werden sie im Freiland gehalten, wo sie deutlich gefräßiger werden und danach im Stall mehr Mastbrei fressen. Meinl hat sowohl ungestopfte als auch gestopfte Leber im Sortiment – man wolle die Kunden eben nicht bevormunden.
Wagner-Bacher achtet seit 25 Jahren auf die Tierhaltung bei ihren Lieferanten: „Die Gäste setzen das bei uns voraus.“ Gefährdete Fische landen nicht auf der Karte und die Kaninchen kommen von einer Bäuerin aus der Nähe. Wörther hat zudem – anders als Puck – still und heimlich den Thunfisch von der Karte genommen, seit der zu den gefährdeten Arten gehört – obwohl er der große Renner im Restaurant gewesen ist. „Ich muss mit meinem eigenen Gewissen im Reinen sein.“
Dass Merkur und Spar Kaninchenfleisch aus dem Sortiment nehmen, hält Wagner-Bacher für eine „Promotiongeschichte“. Christian Petz (Restaurant Coburg) ebenso: „Kaninchenfleisch macht schließlich nur einen minimalen Prozentteil des Umsatzes aus. Die echte Massentierhaltung bei Hendln etwa wird aber nicht in Frage gestellt. Wo ist da die wahre Ethik?“
Auch Schnedlitz meint, dass sich die wahren Probleme hier nicht in der Spitzengastronomie, sondern in „mittelständischen“ Restaurants finden, in denen die Herkunft der Produkte den Konsumenten nicht so wichtig ist. Dass sich die Diskussion gerade um Kaninchenfleisch, Gänseleber oder auch den lebend gekochten Hummer dreht, ist für Petz denn auch symptomatisch: „Luxus ist vielen Menschen suspekt. “
Inline Flex[Faktbox] TIERSCHUTZBESTIMMUNGEN("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2007)