"Ich bin ja schon seit 30 Jahren tot"

Burg. Jelineks "Ulrike Maria Stuart" als Gastspiel: Trauerarbeit, die nicht rührt.

Was haben Alfred Gusenbauer, Dagmar Koller, Hans Dichand, André Heller und H.C. Strache gemeinsam? Sie dienen Regisseur Nicolas Stemann im hoffnungslos fröhlichen Terror-Stück „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek als Schießbudenfiguren. An das Publikum des Burgtheaters werden Wasserbomben und Schutzfolien ausgeteilt. „Und natürlich darf geschossen werden!“, hatte es zuvor geheißen. Mit der Bemerkung „Jetzt geht es wieder los“, verließen zwei ältere Besucherinnen das Haus, ehe mit Wasserkanonen ins Publikum gefeuert wurde. Vielleicht waren die Damen sogar Statisten, denn ansonsten regte der anschließende Exzess mit Schoko-Creme und Sodawasser und halbnackten Männern, die bald wie tot auf der Bühne lagen, niemanden auf.

Die Schießbuden-Einlage war eine der lokalen Possen für ein sonst durch und durch deutsches Stück, das Deutscher-Herbst-Stück in seiner Zicken-Version. Bei der Aufführung dieses Gastspiels des Hamburger Thalia-Theaters am Freitag in Wien ging sofort der Bundeskanzler zu Boden, dann die Koller, dann Heller und Strache. Nur die Dichand-Pappe stand mannhaft wie das Springer-Hochhaus an der Zonengrenze.

Sehr lustig war es also streckenweise für einfache Gemüter in dieser Inszenierung. Es wurde auch gelacht, als die Riesen-Vaginas Elfriede und Marlene ihre Depressionen in holprigem Wienerisch abarbeiteten. Noch schlechter beherrschte den Dialekt der Regisseur: Stemann mit Elfriede-Perücke und Lipgloss las Reste des Textes, da hing die Hauptdarstellerin Ulrike Meinhof (Susanne Wolff) bereits an einem langen Seil, ein überdimensionales Porträt von Meinhof verwandelte sich in jenes von Angela Merkel: Die Frauen, die Macht, das System, welch eine Metapher!

Ach ja, Stemann verwendet gelegentlich auch Jelinek-Text, aus dem Stück „Ulrike Maria Stuart“, das voll Verachtung über die Rote Armee Fraktion spricht und etwas differenzierter Schillers Drama zitiert. Ulrike ist eine schreibbesessene Theoretikerin, Gudrun Ensslin (Judith Rosmair) eine modebesessene Terror-Tussi, die sich den primitiven Ganoven Andreas Baader (Peter Maertens) angelt, dessen Wortschatz sich meist auf „Fotze“ beschränkt. Die Frauen gibt es auch als Rentnerinnen-Version (Elisabeth Schwarz, Katharina Matz), Baader bekommt Flügel umgehängt, damit seine Jenseitigkeit demonstriert wird. „Ich bin ja schon seit 30 Jahren tot“, heißt es lakonisch.

„Repression gerne selbst erlebt“

Die TerroristInnen werden auch von drei Prinzen gespielt (Andreas Döhler, Felix Knopp, Sebastian Rudolph), die das Ganze mühelos ins Lächerliche ziehen. Sie tragen die vielschichtige Show mit den vielen Vorhängen (Bühne: Katrin Nottrodt). „Ach, wie gerne hätten wir die repressiven ideologischen Apparate selber noch erlebt, doch diese Offensivposition gab's nur für dich, wir hatten nicht die Wahl“, sagen sie eingangs zur Terror-Mama.

Das ist auch gut so: kein Skandal um die RAF, sondern die hinterfotzige Vorführung einer absurden Zeit. Wenn Ensslin den Klavier spielenden Holger Meins (der am Hungerstreik gestorben ist) fragt: „Hast du Hunger?“, ist das zynisch. Jelinek hat ein Historiendrama im Geiste der „Maria Stuart“ geschrieben, bei dem keiner gerettet wird. Der Text, nur zum Teil raffiniert, ist meist umständliche Trauerarbeit, die nicht rührt. Stemann hat daraus eine Farce gemacht. Dafür kann man ihm fast schon dankbar sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2007)

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