Kritik Episodenfilm: Sehnsucht nach dem Dealer – und Oscar Wilde als Eheberater

Mit "Paris, je t'aime" fährt der Film-Omnibus sympathischerweise wieder: Von Vampiren, Liebesgeschichten, dem unterwürfigsten Kinderlächeln Gérard Depardieus. Eine "Presse"-Premiere.

Einst waren Filme aus kurzen Episoden Eckpfeiler einer florierenden europäischen Produktionslandschaft: Kaum ein Jahr der 60er, in dem nicht Regiegrößen wie Jean-Luc Godard ihr kurzes Scherflein zu einem, wie es hieß, Film-Omnibus beitrugen. Der fährt heute nur noch selten, und oft mit erdrückend gewichtigem Auftrag (etwa zu 9/11).

Umso erfreulicher, wenn nun die französische Produktion Paris, je t'aime eine ganze Reihe von Berühmtheiten vor und hinter der Kamera unbeschwert zwei Urthemen des Kinos verhandeln lässt: Paris und die Liebe. Das hat auch große (Omnibus-)Tradition: Schon 1965 zeigte die Crème de la Crème der Nouvelle-Vague-Regisseure, von Chabrol über Rohmer bis zu – natürlich – Godard, in Paris vu par..., wie sie Paris sah.

Geschenk und Flirt, Pointe und Friedhof

Paris, je t'aime ist entschieden internationaler angelegt: Die Heimspieler sind in der Minderheit, vom Cineasten Olivier Assayas mit seiner sinnlichen, pointierten Erzählung zu Schauspiel, Sehnsucht und Drogendeal bis zu Star Gérard Depardieu, der in seiner Co-Regie-Episode auch unterwürfigst als Bistro-Besitzer auftritt. Wie er dann mit glücklichem Kinderlächeln den Vorbild-Veteranen Ben Gazzara und Gena Rowlands beim makellosen Durchspielen eines Scheidungsszenarios zusieht, ist eines der Geschenke, wie sie nur diese kleine Kinoform bietet.

Gazzara und Rowlands sind hier nicht die einzigen Amerikaner in Paris, gerade bei den Regisseuren dominieren die USA: Die Palette reicht von Gus van Sants angemessen mehrsprachigem Flirt-Missverständnis zum komischen Père-Lachaise-Ausflug von Horror-Spezialist Wes Craven, der Regiekollege Alexander Payne als Oscar Wildes Geist Eheratschläge zu that humour thing geben lässt. Als nette Insiderpointe spielt Craven dafür im stilisierten Schauerstück des Kanadiers Vincenzo Natali ein Vampiropfer.

Die globale Auswahl der Beteiligten erinnert auch daran, warum Episodenfilme aus unabhängigen Beiträgen selten sind: Heute regiert die bevorzugt globale, bemühte „Vernetzung“ episodischer Schicksale à la Babel.

Paris, je t'aime demonstriert schlagend, dass solche Verbindungen überzeugender sind, wo sie wie von selbst entstehen: etwa im Zusammenspiel zweier sozialkritischer Episoden. Eine überzeugend schlicht – die Mutter-Kind-Klassenstudie der Brasilianer Walter Salles und Daniela Thomas; eine bestechend dicht – der Immigranten-Erinnerungstodestanz des in Deutschland lebenden Südafrikaners Oliver Schmitz. Der zeigt sich als Unterschätzter, während Deutschlands Überschätzter, Tom Tykwer, demonstriert, dass er (auch ohne Süskind-Vorlage) nur überzogenen Metaphysik-Tand will.

Naturgemäß gehören Unebenheiten zum Omnibus an sich, dieser hat aber mehr lohnende Zwischenstopps als die meisten. Echt böse ist der schlagkräftig inszenierte, clever naheliegende Tourismus-Thematik verhöhnende U-Bahn-Aufenthalt der Coen-Brüder, aber Payne macht das (und mehr, wie die lustigen Dicken aus Sylvain Chomets Pantomimensketch) mit der brillanten Schlussminiatur locker wett: Die beginnt auch wie eine Parodie auf das US-Touristen-Klischee, aber entpuppt sich dann als berührende Fabel von menschlichen Verlusten und Träumen. Einer geht zuletzt ganz prosaisch, dabei magisch in Erfüllung – und lässt so den Filmtitel mehr als gerechtfertigt erscheinen.

Inline Flex[Faktbox] STARPARADE: Durch 18 Filme("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2007)

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