Metaware: Warum nicht Rotdonnerstag?

Letzte Versuchung, Verrat, Gefangennahme – all das spielt sich unter Olivenbäumen ab.

Die Feuilleton-Debatte, mit der Jürgen Langenbach rechnete, als er unlängst hier das Wort „Person“ von lat. „personare“ ableitete, ist sanft geblieben. Wohl, weil er (wie meist) auf seine Weise Recht hatte. Die alternative Ableitung vom etruskischen „Phersu“ hat etwas Bestürzendes: Wir kennen das Wort nur von Darstellungen aus Tarquinia, wo es bei einem maskierten Mann mit einer Art Kapuze steht. Auf einem Bild hetzt dieser soeben einen Hund auf einen fast Nackten, dem ein Sack über den Kopf gebunden wurde.

Es bedarf der Kaltblütigkeit, diese an die Gräuelbilder von Abu Ghraib gemahnende Szene als „Spiel“ zu beschreiben – und dieses vielleicht als sadomasochistisches Ritual zu verstehende Theater der Grausamkeit an den Ursprung unseres Begriffs von „Person“, von individueller „Persönlichkeit“ zu stellen. (Der Einwand, dass unser Theater auch von einem Theater der Grausamkeit, nämlich vom Passionsspiel, stamme, scheitert daran, dass wir dessen zentrale Person sehr wohl kennen.)

Egal: Soll sie nur eine Volksetymologie sein, die Ableitung von „personare“, vom „Hindurchtönen“ durch die Maske, aber sie klingt wenigstens nach Geist, der in diesem Fall eben in den Schallwellen weht.

Auch bezüglich der Etymologie des heutigen Tages melden sich regelmäßig Gelehrte und belehren unsereins, dass „Gründonnerstag“ nicht von „grün“ komme, sondern von „greinen“. Widerspruch! Erstens passt das nicht in die Dramaturgie dieser Tage. „Now ain't the time for your tears“, würde Bob Dylan mahnen: Am Gründonnerstag sind die Tränen verfrüht.

Zweitens ist und war „greinen“ (mittelhochdeutsch „grînen“) ein unschönes Wort, das zwischen Lachen und Weinen oszilliert, mit einem schadenfrohen Beigeschmack, der in der niederdeutschen Form „grienen“ noch stärker ist.

Drittens passt die Farbe Grün perfekt zum Ort des Geschehens, zum Garten Gethsemane, diesem nächtlichen Gegenpol zum Garten Eden, diesem locus inamoenus: Christi Stunde der Angst, das Einschlafen der Jünger („Ihr liegt's da wie die Jünger am Ölberg“, sagt man heute noch im Weinviertel), der verräterische Kuss, Ohrabschlagen, Gefangennahme – all das spielt sich unter knorrigen Olivenbäumen ab. Gethsemane kommt ja vom aramäischen Wort für „Ölpresse“.

Grün also, die Farbe, die uns erst beunruhigt, wenn sie fehlt. Aus der das Rot hervorsticht, seitdem wir bzw. unsere äffischen Vorfahren das dritte Farbsehpigment haben, das gestattet, Rot und Grün zu unterscheiden.


Dabei sind die einander so nahe: Das Chlorophyll, dem Gärten, Wälder, Wiesen und Moose ihr Grün verdanken, hat eine ganz ähnliche chemische Struktur wie das Hämoglobin, das unser Blut rot macht. In diesem sitzt Eisen in der Mitte, in jenem Magnesium. Was wäre, wenn man die beiden Metallatome in allen Chlorophyll- und Hämoglobin-Molekülen der Erde gegeneinander tauschte? Wären alle Wiesen blutrot, während es grün aus den Wunden tropfte? Oder wäre dann – in unserem Kopf – Grün rot (und aufregend und gefährlich) und Rot grün (und lebhaft und beruhigend)?

Jedenfalls würden wir dann mit Recht Rotdonnerstag sagen und auf den Speisekarten der braven Lokale stünde Spinat, und der wäre rot.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2007)

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