Genetik. Wieso sind Hunde so unterschiedlich groß? US-Forscher fanden eine Antwort.
Von der „Ratte“ bis zum „Kalb“, vom Chihuahua (unter 20cm hoch) bis zum Irish Wolfhound (95cm) – das Größenspektrum von Canis familiaris ist völlig ungewöhnlich für eine Säugetierart. Und doch stammen alle Hunde vom Wolf (Canis lupus) ab, der erst vor ca. 15.000 Jahren domestiziert wurde, und Mini-Wölfe kennt man nicht. Noch erstaunlicher: Die Unterschiede in der Größe haben sich offenbar sehr schnell entwickelt: 10.000 bis 12.000 Jahre alte Knochen aus dem Mittleren Osten und aus Europa bezeugen, dass damals schon Hunde von der bescheidenen Größe eines Terriers gehalten wurden.
Schuld daran ist gewiss zu einem Gutteil, auf gut Darwinistisch gesagt, „Zuchtwahl“, künstliche Selektion durch Menschen: Manche bevorzugten eben „herzige“ Hunde mit Baby-Appeal, andere schätzten „Kampfhunde“, deren schiere Größe den Mitmenschen Respekt einflößen soll. Und es ist auch gut vorstellbar, dass sich in menschlicher Umgebung unter halbwilden Hunden kleinere Exemplare leichter taten, schon weil sie weniger Futter brauchen.
Aber was ist die genetische Basis der Größenvariation? US-Genetiker um Nathan B.Sutter (National Human Genome Research Institute, Bethseda) fanden einen „Locus“ im hündischen Genom, der offenbar mit Kleinwuchs korrespondiert: Er liegt im Umfeld eines Gens namens IGF1 – und das passt gut: Dieses steht für einen „Insulin-like growth factor“, einen Wachstumsfaktor also. (Ähnliche Faktoren kennt man u.a. von Mäusen und Menschen, wo sie auch das Wachstum vom Mutterleib bis in die Pubertät fördern.)
Ganz eindeutig ist die Analyse nicht: Zwar haben alle Hunde mit einem Gewicht unter zehn Kilo den gleichen „Haplotyp“ in diesem DNA-Abschnitt, aber auch die Rottweiler. Bei denen müssen eben andere Faktoren mitspielen, sagen die Forscher.
Ihren Ursprung hatte diese Studie (Nature, 316, S.112) im „Georgie Project“, benannt nach einem Hund, nach dessen Tod sein Besitzer, ein Genetiker, einen möglichst ähnlichen haben wollte – und sich für Hunde-DNA zu interessieren begann. Georgie war ein Portugiesischer Wasserhund: Diese Hunde – von den Römern Canis piscator genannt, da sie gerne fischen – wurden in vorchristlicher Zeit von den Persern in Portugal eingeführt. Sie stammen alle nur von wenigen Gründervätern und -müttern ab, variieren dennoch beträchtlich in der Körpergröße. So waren sie ideal als erste Objekte für die im Weiteren auf viele – nämlich 143 – Rassen ausgedehnte genetische Studie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2007)