Privatisierung: Tschechien, Ungarn geben Bahn ab

Die Prager Regierung denkt angesichts der leeren Haushaltskassen daran, für den Güterverkehr einen strategischen Partner zu suchen.

WIEN (mk/p.m./APA). Die ÖBB haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2010 im Güterverkehr in Südosteuropa die Nummer eins zu werden. Derzeit finden sich die Österreicher noch auf Platz drei. Nach dem Rückschlag in der Slowakei – wo die Regierung die Privatisierung des Güterverkehrs im Vorjahr stoppte – bieten sich jetzt aber für die Österreicher gleich zwei neue Möglichkeiten.

Um das Haushaltsdefizit abzubauen, überlegt Tschechien, den Güterverkehr zu verkaufen. Laut Verkehrsminister Aleebíek erwartet die Regierung daraus Einnahmen von etwa zwölf Mrd. Kronen (400 Mio. Euro). Zur Vorbereitung des Verkaufs soll der Güterverkehr der Bahn, der 2006 rund 17 Mrd. Kronen umsetzte, in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert werden.

Privatisierung oder Partnersuche

Wie es weiter geht, ist dann noch offen. „Ich weiß nicht, ob wir das als Privatisierung bezeichnen sollen, oder nicht besser als Suche nach einem strategischen Partner“, sagt ebíek in der „Prager Zeitung“. Ins Auge gefasst werde eher der Verkauf eines Minderheitsanteil.

ÖBB-Sprecher Jörg Wollmann, bestätigt der „Presse“, dass die Bahn prinzipiell interessiert sei, in Tschechien bei der Privatisierung zum Zug zu kommen. Allerdings müsse man noch die genauen Bedingungen abwarten.

Schon weiter sind bei der Bahnprivatisierung die Ungarn, dort wird jetzt aufs Tempo gedrückt. Bis Jahresende soll der Güterverkehr verkauft werden, sagte Generaldirektor Tamás Kozák. Bis spätestens Juni soll der Privatisierungsberater die Verkaufsunterlagen erstellt haben. Geführt wird dieses „Pro Cargo Konzorcium“ von der Bank Austria-Tochter „UniCredit Markets & Investment Banking“ (CA-IB). Sie hat sich gegen Credit Suisse und Ernst & Young durchgesetzt und war bereits Berater für die Privatisierung in der Slowakei.

Auch an der MV Cargo haben die ÖBB grundsätzlich Interesse und prüfen, ein Angebot zu legen. Zuletzt soll das Unternehmen einen Vorsteuergewinn von 2,8 Mrd. Forint (11,38 Mio. Euro) erzielt haben, der Umsatz belief sich auf 93 Mrd. Forint. Kozák meinte Ende März zur Finanzzeitschrift „Piac és Profit“ (Markt und Gewinn), am wichtigsten sei, dass der Gewinn ohne Kündigungen unter den 3200 Mitarbeitern erzielt worden sei.

Der Marktwert von MV Cargo soll laut Präsident Gábor Dióssy erst im Juni feststehen. Sicher sei aber, dass der Kaufpreis höher als das Grundkapital von 30 Mrd. Forint sein werde. Favoriten wollte Dióssy nicht nennen, auch wenn seine Formulierung als ÖBB-freundlich interpretiert werden könnte: „Aufgrund geografischer und ökonomischer Aspekte wären einige Anbieter wahrscheinlicher als andere.“ Aber vor dem zur Jahresmitte fälligen Tender sei dazu nichts Näheres zu sagen, fügte er schnell hinzu.

Konkurrenz aus der Slowakei

Die ÖBB sind nicht die einzigen Bieter. So wird in Branchenkreisen gerechnet, dass auch die slowakische Investmentfirma Slavia Capital Group – die sich in der Slowakei mit der MV beworben, aber gegen die ÖBB verloren hatte – ein Konsortium zimmert. Die „Cargo Central Europe“ aus der US-Investmentgruppe Railworld Holding, der britischen Firma Mid Europe Partners und der slowakisch-tschechischen Private Equity-Firma Penta Group könnte ebenfalls ein Angebot legen. Interesse nachgesagt wird auch der Deutsche Bahn-Tochter Railion und der polnischen Güterbahn PKP Cargo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2007)

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