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Deutschland: Sperrstunde bei den Möbelpackern

Was von der Euphorie des Handels blieb: Lokalaugenschein vor Ladenschluss.

Berlin. Gleißend hell leuchtet der Vollmond über dem nachtschwarzen Himmel, auf dem Parkplatz erlischt das Flutlicht und „Hemsö“, der angepriesene „Platz für Frühlingsgefühle“, verliert schlagartig an Strahlkraft. Das Ikea-Werbeplakat für den blauen Metalltisch mit den zwei Sesseln – ein „Schnäppchen“ für 39 Euro – prangt an der gelb-blauen Fassade des Möbelhauses in Berlin-Tempelhof. Drinnen ertönt ein Gong, eine metallene Tonbandstimme mahnt zum Aufbruch: „Es ist 21 Uhr. Wir hoffen, dass es Ihnen bei uns gefallen hat und dass wir Sie wieder bei uns begrüßen dürfen. Wir wünschen Ihnen einen guten Heimweg.“

Freudig klatscht eine Kassiererin in die Hände, hebt den Daumen angesichts des nahen Dienstschlusses. Fünf Kassen sind noch offen. Bis alles aufgeräumt und geschlichtet ist, wird es noch dauern. Nach und nach tröpfeln die Kunden ins Freie, schleppen Pakete und Teppiche unter dem Arm und in den blau-gelben Tragetaschen. Einer transportiert auf dem Kopf ein schwarzes Sofa ab. Anne und zwei Freunde verstauen die Bretter des Bettes „Aspelund“ und den Lattenrost im Kombi. Gemäß dem Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ richtet sich die Studentin neu ein, und die längeren Einkaufszeiten kommen ihr gerade recht. So bleibt mehr Zeit zum Gustieren.


Mehr Service

Ikea-Sprecher Andreas Jandtke bringt den Vorteil der Ladenschluss-Liberalisierung, die erst seit wenigen Monaten in Kraft ist, auf die Formel: „Entspannteres Einkaufen mit der Familie, mehr Service.“ Ein Elternpaar, das seinen Sohn berät und in eine lebhafte Diskussion über die Qualität des CD-Regals „Benno“ verstrickt ist, macht von dem Angebot ebenso Gebrauch wie die Teenie-Eltern, die ihr Baby in den Einkaufswagen gepackt mit sich führen.

„Gähnend leer“, ätzt eine Verkäuferin über die Auslastung an dem Abend. Tatsächlich verlieren sich die Kunden in den Weiten der Bettenlandschaften, eine ältere Frau hat ihre müden Glieder zum Probesitzen auf dem „Hopen“ gebettet. Ihr eigenes Bett ist noch weit, sie gönnt sich hier eine Verschnaufpause.

Nach Hause wünscht sich längst auch die Verkäuferin: „Mein Kind liegt hoffentlich schon im Bett.“ Das Familienleben sei durch die unterschiedlichen Schichten sehr beeinträchtigt. Während sich das ältere Personal mürrisch und in sarkastischen Andeutungen über die neuen Öffnungszeiten auslässt, zeigen sich die Jüngeren flexibler. „Och, wegen der einen Stunde“, sagt eine Angestellte.

Von Montag bis Donnerstag hat Ikea die Öffnungszeiten um eine Stunde hinaufgesetzt, zum Wochenende hin auf zwei Stunden. „Ich arbeite am liebsten abends“, sagt Florian Mischke vom Kundenservice. Und setzt lächelnd hinzu: „Außer Freitag und Samstag.“ Freitag und Samstag seien viel stärker frequentiert, sagt Ikea-Sprecher Jandtke. Der Ansturm am Wochenende verteilt sich jetzt besser über den Tag. Über die Umsatzentwicklung will er freilich nicht Auskunft geben. Zumindest ein Jahr möchte sich Ikea mit der Bewertung Zeit lassen.


Kunden ändern sich langsam

Eine Studie des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels kommt indes zum Schluss: „Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich das Einkaufsverhalten geändert hat und die Kunden die längeren Öffnungszeiten in größerem Umfang nutzen. Die Kundengewohnheiten spielen sich frühestens nach 24 Monaten ein.“ Umgestellt haben sich aber die Konsumgewohnheiten der Jugendlichen: Die Supermarktkette Rewe, die im Testbetrieb bis 22 Uhr offen hält, macht in den Abendstunden das beste Geschäft mit Bier.

Für Cornelia Haß, Sprecherin der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, steht fest: „Nach der ersten Euphorie führen die Unternehmen die Öffnungszeiten Schritt für Schritt wieder zurück. Die Umsätze steigen nicht.“ Die Zwischenbilanz der Gewerkschaftsvertreter ist ernüchternd: „Es wird ja auch nicht mehr Personal eingestellt. Der Handel will jetzt sogar die Zuschüsse streichen.“ Bei den bevorstehenden Tarifverhandlungen hat Ver.di derlei Bestrebungen den Kampf angesagt.

Vorsichtig spricht der Einzelhandel von einem Imagegewinn für die Firmen. Die Kosten seien allerdings nicht gedeckt. Die Interessenvertretung des Handels rechnet aber ohnehin nicht mit großen Gewinnsprüngen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2007)