„Kreuzritter“ auf der Schallaburg – die sehr breit angelegte Geschichte eines Kulturkampfes.
Bis an die Donau nahe bei Wien hatte es der englische König Richard Löwenherz bei seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land geschafft, dann wurde der vom französischen König und vom römisch-deutschen Kaiser zum Reichsfeind erklärte Kreuzritter von den Truppen des österreichischen Herzogs Leopold V. doch noch geschnappt. Was hatte ihn verraten? Sein Bediensteter wollte in der Herberge mit einer byzantinischen Goldmünze bezahlen, „was im Dorf Erdberg absolut unüblich war“, heißt es im Text zur betreffenden Illustration in der Ausstellung „Kreuzritter“ auf der Schallaburg bei Melk.
Dieser Klassiker lokalen Ruhmes in der Geschichte der Kreuzzüge darf in solch einer niederösterreichischen Schau nicht fehlen, die etwas reichlich und damit ein wenig unübersichtlich bestückt ist. Es gibt ein Übermaß an Kettenhemden, Schwertern und Helmen in den engen, verwinkelten Ausstellungsräumen zu bestaunen, Modelle von Festungsbauten und allerlei Belagerungsgerät. Daneben aber hat man sich besonders darum bemüht, auch die andere Seite, die hoch entwickelte moslemische Kultur im Mittelalter, zu illustrieren: Schachfiguren aus Bergkristall, raffiniert verzierte Keramiken und Gläser aus Ägypten und Syrien, ein bronzener Himmelsglobus aus Damaskus, ein Rezept, das die Überlegenheit der arabischen Medizin gegenüber jener in Europa demonstriert.
Zuweilen gilt die Überlegenheit auch für das Humanitäre. Neben der Grabplatte von Richard Löwenherz sieht man das Grabmal seines Kontrahenten Saladin, des Sultans von Ägypten und Syrien, der die Christen in der Schlacht von Hattin 1187 vernichtend schlug. Saladin war berühmt für seine Toleranz, Richard für seine Skrupellosigkeit. Als der englische König die Festung Akkon erobert hatte, ließ er angeblich 3000 Moslems hinrichten, nachdem Saladin mit Lösegeldzahlungen säumig war.
„Gott will es!“
Die Auslegung des Begriffes Kreuzzüge ist von Kurator Matthias Pfaffenbichler sehr breit gewählt. Nicht nur der Kampf um die Heiligen Stätten in Palästina, sondern auch die Reconquista auf der iberischen Halbinsel und in Süditalien, die Invasion des Baltikums durch Ordensritter, ja sogar die Hussitenkriege in Böhmen werden mit einbezogen. Die Geschichte beginnt nicht mit dem Aufruf „Gott will es!“ von Papst Urban II., der 1095 zum Kriegszug ins Heilige Land aufgerufen hatte, sondern weit früher mit dem Rückzugsgefecht des oströmischen Reiches gegen die Seldschuken, die von Zentralasien aus begonnen hatten, mit ihren turkstämmigen Reiterarmeen die islamische Welt zu erobern. Mit ihnen blühten die Städte im Nahen Osten wieder auf.
Byzanz aber benötigte dringend Hilfe aus dem Westen. Als nach der Schlacht von Manzikert 1071 in Ostanatolien große Teile Kleinasiens verloren wurden, kämpften längst schon fränkische Ritter als Söldner im Dienste des oströmischen Kaisers. So war es verständlich, dass Alexios I. Komnenos den Papst um Hilfe bei der Anwerbung von Freiwilligen bat. Die Kreuzfahrer haben jedoch Ostrom langfristig mehr geschadet als genutzt. Vom vierten, durch Venedig organisierten Kreuzzug, der 1204 mit der Plünderung Konstantinopels durch das Christenheer aus dem Westen endete, hat sich das oströmische Kaiserreich bis zu seinem Untergang 1453 nie mehr erholt.
Krieg als Ausweg für Zweitgeborene
Parallel stieg die Bedeutung des Papsttums, in Westeuropa begann eine Epoche wirtschaftlicher und demografischer Expansion. Kriegsdienst bedeutete für zweit- und drittgeborene Adelige oft die einzige Chance, einen eigenen Herrschaftsbereich zu erhalten – dieser soziale Druck war wesentlich für die Kreuzzüge. Er erfasste sogar die Unterschicht. Der sogenannte Bauernkreuzzug, bei dem die meisten Beteiligten bereits in Ungarn zugrunde gingen, bestand aus Abenteurern, die nichts mehr zu verlieren hatten. Ihr kläglicher Vorstoß führte dazu, dass die Seldschuken kurz darauf den tatsächlichen ersten Kreuzzug unterschätzten, der die Ritter unter Gottfried von Bouillon 1099 bis nach Jerusalem führte.
Jerusalem, diese Utopie des Himmelreiches, blieb nicht lange unter christlicher Herrschaft. Bereits 1187 wurde die Stadt von Sultan Saladin zurückerobert. Er gestattete den christlichen Pilgern weiterhin den Zugang zu den heiligen Stätten, die Grabeskirche blieb in christlicher Hand. Der darauf folgende dritte Kreuzzug brachte keinen Erfolg. Kaiser Friedrich Barbarossa ertrank beim Baden. Herzog Leopold kehrte nach Streitigkeiten mit Richard Löwenherz frustriert um, zurück nach Wien. Und auch der englische König machte sich 1192 auf den Heimweg – vorerst kam er nur bis Erdberg. Mit dem Lösegeld für Richard leisteten sich die Babenberger die Gründung von Wiener Neustadt und verstärkten die Befestigung von Wien. Das zahlte sich noch 1529 aus, bei der Belagerung durch die Türken.
„Die Kreuzritter. Pilger. Krieger. Abenteurer“, bis 4.11. auf der Schallaburg. Mo–Fr 9–17, Sa/So bis 18h. Ticket: 8€, Sen. 7, Schüler 3,50, Familienkarte 16€. Katalog 29€.
Inline Flex[Faktbox] DIE ZWEITE GROSSE SCHAU 2007: „Feuer & Erde“("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2007)