Wissenschaftsjournalismus soll sein wie ein calvinistischer Gottesdienst. Ohne Orgel & Weihrauch.
Jetzt haben sie uns also den ORF reformiert, und wer gern fernsieht, erlebt eine Woche der Entdeckungen. Neue Wissenschaftssendung ist vorerst keine zu entdecken, man hört es schon raunen im Wäldchen der Bildungsbürger: Warum kommt kein Hugo Portisch der Wissenschaft?
Ganz einfach: Weil wir keinen brauchen. Vielleicht könnte man den Prof. Quantinger also known as Anton Zeilinger dazu überreden, das eine oder andere Photon unter sachgemäßer Kommentierung über den Bildschirm (und/oder zugleich das eine oder andere lässig verschränkte Elektron durch die Braunsche Röhre resp. den Flüssigkristall) zu jagen, aber...
Wozu? Besser, man liest nach, was er zu erzählen hat (nun auch im Netz: quantinger.blogspot.com). Nicht weil er (und andere Wissenschaftler) nicht telegen genug wäre(n), sondern weil das Fernsehen ein ziemlich ungeeignetes Medium für die Präsentation von Wissenschaft ist. (Noch ungeeigneter ist nur die Podiumsdiskussion, insbesonders zu Themen wie „Geisteswissenschaftler im Diskurs über die öffentliche Rezeption der post-postmodernen Krise der Geisteswissenschaft im Wandel der Zeiten“ oder „Genforschung: Fluch oder Segen?“.)
Das Problem ist nicht, dass das Fernsehen gut lügen kann, das können – muss natürlich heißen: könnten! – wir auch. Das Problem ist, dass es besser bluffen kann. Erstens, weil es keine Repeat-Funktion hat: In der Zeitung kann man jeden Satz, der einem spanisch vorkommt, noch einmal lesen. Im Fernsehen gilt die Ex-Cathedra-Bauernregel „Der Pfarrer predigt nur einmal“ in voller Schärfe.
Zweitens kann es, wie ein guter Zauberer, von Unklarheiten geschickt ablenken. Ein Bild kann mehr kaschieren als tausend Worte. Und es kann Anschaulichkeit vorgaukeln, wo keine ist, das fängt bei den elenden „Artist's Impressions“ an, mit denen uns Weltraumagenturen weismachen wollen, dass es in fernen Galaxien aussieht wie auf einem Krautrock-Plattencover der frühen Siebzigerjahre.
Und haben Sie auch schon den Urknall im Fernsehen gesehen? Mit Blitz und Donner? Erschallte die folgende Inflation des Universums in g-moll oder A-Dur? Klang sie nach Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) oder Pink Floyd? Und, wenn schon Pink Floyd, „Astronomy Domine“ oder „Interstellar Overdrive“? Hauptsache mit Analog-Synthesizer! Last night a DJ saved my Weltbild...
Achtung Stilmittel, hier kommt die Antithese: Wissenschaftsjournalismus, wie ich ihn mir vorstelle, ähnelt – natürlich nur ästhetisch – einem calvinistischen Gottesdienst. Er geht höchst sparsam mit Bildern, auch sprachlichen, um. Er verzichtet auf die Orgel. Er meidet den Weihrauch. Das heißt u.a., dass Wörter wie „perfekt“, „wunderbar“, „modern“ und „unglaublich“ streng kontingentiert sind, dass man das Prädikat „faszinierend“ Mr.Spock überlässt.
Das gilt sogar für „Universum“-Folgen über das Sexualleben der Winterfliegen oder die geheimen Fortpflanzungsstrategien der Pfingstochsen. In diesem Bereich – den die „Bloodhound Gang“ geschmackssicher mit dem Satz „Let's do it like they do on the Discovery Channel“ glossierte – sind wir dem Fernsehen unterlegen. Naturgemäß. Und auch einen Sonnenaufgang können wir Ihnen nicht so schön erzählen wie Ihr frisch abgestaubter 16:9-Bildschirm. Bedaure.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2007)