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Italien: Aufstand in Mailands „Chinatown“

Chinesische Händler fühlen sich von Behörden rassistisch verfolgt und lieferten sich Straßenkämpfe mit der Polizei. Italien reagiert verwundert.

Mailand/Rom. Dass alles mit einem Strafzettel anfing, ist unbestritten. Doch wer an diesem Donnerstagnachmittag als erster geprügelt hat, die Polizei oder die Chinesen, darüber gehen die Berichte auseinander. „Sie haben uns schon seit längerem im Visier“, sagen beide Parteien – über die jeweils andere. Es hatte sich also etwas aufgestaut in Mailands „Chinatown“, der angeblich größten in Europa.

An die 12.000 Chinesen sind in der Wirtschaftsmetropole gemeldet. Die Zahl der Illegalen kennt keiner. Mitten in Mailand, in einem von Italienern eher vernachlässigten Viertel, haben sie ihr Einkaufszentrum errichtet, ganz offiziell, mit Lizenzen, die die Stadtverwaltung bisher recht großzügig ausgegeben hat. Nun boomt der China-Großmarkt um die Via Paolo Sarpi herum. Wand an Wand gibt es hier Textil-, Schuh-, Schmuck- und Nippes-Läden, mehr als 500 an der Zahl. Die Preise sind extrem niedrig; hier kaufen sowohl Mailänder Privatleute ein als auch Boutiquenbesitzer und Wochenmarkt-Händler aus ganz Norditalien bis hinüber nach Slowenien und Kroatien.

Entsprechend groß und laut ist das Verkehrsaufkommen. Und das stinkt den Anrainern. „Die Chinesen machen sich breit, verdrängen alles Einheimische, blockieren die Straßen mit ihrer Ware, kümmern sich weder um Geschäftszeiten noch um sonstige Regeln“, schimpfen die Italiener. Bereits in ihrem Wahlkampf vergangenes Jahr hat die konservative Bürgermeisterin Letizia Moratti versprochen, Recht und Ordnung durchzusetzen.

Das tut sie jetzt. Die städtischen Polizisten haben offenbar Anweisung, jede Regelverletzung streng zu ahnden. „Aber nur uns gegenüber“, beschweren sich die Chinesen: „Wenn Italiener, wie üblich, in zweiter Reihe parken, wollen sie das nicht sehen.“

Am Donnerstag nun hat es die Chinesin Ruowei Bu erwischt. Sie und ihr Mann wurden ertappt, wie sie Schuhkartons zu einer nicht genehmigten Uhrzeit anlieferten. Bu sollte nicht nur Strafe zahlen; die Polizei nahm ihr auch noch den Führerschein weg. Es kam zu Rempeleien; im Nu war die Straße voller erregter Chinesen. Eilends wurden Transparente gemalt: „Rassismus basta!“ Es flogen Flaschen und Fäuste. Die Polizisten zückten Schlagstöcke. So kämpften sie bis in den Abend hinein.

Über den Vorgang wundert sich Italien insofern, als die Chinesen bisher als ruhige Gemeinschaft galten. „Sehr in sich geschlossen, schwer zugänglich für den Dialog“, sagt Innenminister Giuliano Amato. Chinesen machten bisher nur von sich reden, wenn die Polizei illegal eingeführte Fernost-Ware containerweise beschlagnahmte oder wenn Lohnnähereien entdeckt wurden, in denen Chinesen hunderte illegal eingeschleuster Landsleute auf menschenunwürdige Weise beschäftigten.


Rettung der Textilindustrie

Ein „Chinatown“ wie in Mailand hat sich auch in Rom entwickelt. Dort klagen Anrainer aber nicht, denn die Chinesen zahlen bar und deutlich über dem Marktpreis. Das dritte „Chinatown“, das undurchsichtigste von allen, ist Neapel, wo sich einheimische Camorra und organisierte Fernost-Kriminalität zu gegenseitigem Profit durchdringen.

Die meisten der 128.000 legal gemeldeten Chinesen leben aber im toskanischen Prato, vor den Toren von Florenz. Die 24.000 Chinesen dort stellen zwölf Prozent der Einwohner und haben die jahrhundertealte Textil-Tradition der Stadt vor dem Zusammenbruch bewahrt. In Prato heißt es, man fürchte und liebe die Chinesen zugleich. Und im rechtskonservativen Mailand sagt man: Eines Tages beherrschen sie uns alle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2007)