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Adolf Holl über Papst-Buch: Ins Leere

Ein Herzenserguss auf hohem Niveau, gepfeffert mit kleinen Seitenhieben, etwa auf die Befreiungstheologie – das ist Papst Benedikts Buch über „Jesus von Nazareth“.

Das Wichtigste zuerst. Dass ein Papst unter die Schriftsteller und auf den Buchmarkt geht, ist neu. Joseph Ratzinger, seit 2005 Papst BenediktXVI., hat sich dazu entschlossen, mit dem ersten Teil seines „Jesus von Nazareth“, der dieser Tage erscheint. „Es steht
jedermann frei, mir zu widersprechen“, schreibt Ratzinger. „Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.“

Warum nicht. In aller Ruhe, sozusagen unter uns, darf die Frage erlaubt sein, in welchem Regal das Jesusbuch des Kollegen Ratzinger seinen Platz finden soll. Sachbuch oder Belletristik? Studiert oder fingiert? Theologie oder Literatur?

Die Theologie stellen wir zur Belletristik, soll Adolf von Harnack zu seinem Hausdiener gesagt haben, als eine Übersiedlung bevorstand. Das ist hundert Jahre her, aber die Frage bleibt. Auf den Bestsellerlisten wird Ratzinger unter die Sachbücher gereiht werden. Schließlich handelt es sich um eine Biografie. Und schon gibt es ein Problem. Ebenfalls vor hundert Jahren erschien Albert Schweitzers Studie über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung seit der Lessingzeit. Das Buch warf einen langen Schatten, denn es behauptete mit guten Gründen, ohne Wenn und Aber ließe sich nicht über Jesus schreiben. „Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns“, so Schweitzer, „wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat.“

Schweitzer zog die Konsequenzen und verfügte sich als Arzt nach Afrika. Seitdem sind mindestens 20.000 Jesusbücher greifbar. Ein Konsens der Gelehrten über den Gegenstand ihrer Bemühungen ist nicht in Sicht. Selbst die Frage, ob Jesus tatsächlich gelebt hat, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht beantworten.

Die divergierenden Positionen der Jesus-Spezialisten lassen sich auf einer Skala auftragen, an deren Enden zwei Kollegen Ratzingers sitzen, die deutschen Professoren Klaus Berger (katholisch) und Gerd Lüdemann (evangelisch). Berger bleibt positiv engagiert, Lüdemann legt seinen Jesus „zu den Akten“. Ratzinger wiederum weiß, dass er auf dieser Skala keinen Platz findet, weil er kein Bibelwissenschaftler ist. Also doch Belletristik?

Das nun auch wieder nicht. „Für den biblischen Glauben ist es wesentlich“, schreibt Ratzinger, „dass er sich auf wirklich historisches Geschehen bezieht.“ Also auf die vier kanonischen Evangelien, wenn von Jesus die Rede geht. Ihnen „traut“ Ratzinger, auch wenn er einräumen muss, dass die Leben-Jesu-Forschung der letzten 250 Jahre keineswegs auf der Nudelsuppe dahergeschwommen ist. Harnack und Schweitzer werden daher höflich schubladisiert, die Welt hat sich weitergedreht, leider in gar nicht erfreulicher Weise. „Die Figur Jesu selbst hat sich nur immer weiter von uns entfernt“, schreibt Ratzinger, und zurückgeblieben sei der „Eindruck, dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und dass der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt habe. Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit vorgedrungen. Eine solche Situation ist dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird: Die innere Freundschaft mit Jesus, auf die doch alles ankommt, droht ins Leere zu greifen.“

Unser Mann im Vatikan hat offenbar große Sorgen um die Glaubenskultur seiner Kirche, sonst hätte er sich nicht auf seine alten Tage und trotz eines vollen Terminkalenders hingesetzt, um den Lesewilligen in der Katholikenmilliarde zu erklären, was Sache ist. Herausgekommen dabei ist ein Herzenserguss auf hohem Niveau, eine geistliche Flaschenpost, eine Liebeserklärung an Gott, gepfeffert mit kleinen Seitenhieben auf Kollegen, Befreiungstheologen zum Beispiel.

Einer von ihnen, der Jesuit Jon Sobrino mit seiner „Christologie der Befreiung“, hat kürzlich im Alter von 69 Jahren die für ihn bestimmte notificatio aus dem Vatikan hinnehmen müssen, eine offizielle Warnung vor gewissen Auffassungen des Professors an der Universität in El Salvador über die Gottheit Christi. Die Universität wird von Jesuiten geführt. Gegen Sobrino wurde seit 2001 ermittelt, unter dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger. Er kann recht unangenehm werden, besonders dann, wenn es „um Gott geht“.

Dementsprechend entschieden wird die päpstliche Prosa auf dem Terrain, dem sie ihre Geläufigkeit und das nötige Fachwissen verdankt. Seit 1958 ist Ratzinger als Professor für Fundamentaltheologie, Dogmatik und Dogmengeschichte tätig gewesen, in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, bis 1977, als er zum Erzbischof von München ernannt wurde. Bei der Lektüre seines Jesusbuchs stellt sich das Gefühl ein, im Hörsaal zu sitzen. Wer nicht weiß, wer Adolf von Harnack war, möge gefälligst im Lexikon für Theologie und Kirche nachschlagen.

Professor Ratzinger zeigt wenig Interesse an den biografischen Details seines göttlichen Freundes. Er lässt ihn im ersten Kapitel zur Taufe eilen, obwohl er bereits im Mannesalter steht und eine Vergangenheit hinter sich hat, über die nichts gesagt wird. Als systematischer Theologe ist Ratzinger an den zentralen Themen des heiligen Glaubens interessiert und nicht an den Lebensumständen eines Handwerkers in dem unruhigen Ländchen am Rand des römischen Weltreichs.

Ratzinger: „Die Gottesfrage ist die Grundfrage, die uns an den Scheideweg der menschlichen Existenz stellt. Der Kern aller Versuchung ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinenden unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird. Die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, auf das Eigene zu bauen, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseitezulassen, das ist die Versuchung, die uns in vielerlei Gestalten droht.“

Die Mischung aus Kanzelton und Kathedertheologie, von Ratzinger souverän kultiviert, erinnert ein wenig an die frühen Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, an Theodor Haecker oder Romano Guardini, an die Zeiten der Gertrud von le Fort und des Reinhold Schneider. Letzterer wird von Ratzinger freundlich und dankbar zitiert, weil die Seelenverwandtschaft stimmt, eine melancholisch grundierte Inständigkeit. Dazu passen die bevorzugten Metaphern Ratzingers, die „letzte Tiefe“, das „Überschreiten“, das „Ringen“.

Auffällig auch, dass für Ratzinger die „Reihe begeisternder Jesusbücher“ aus seiner Jugendzeit ab 1950 abbrach. Der Aufforderung Schweitzers, die Theologen sollten sich ihren Jesus nach der eigenen Persönlichkeit neu schaffen, im Hinblick auf die Zeitläufte, vermag Ratzinger nichts abzugewinnen. Die Folge daraus: Unser Mann im Vatikan hat ein sehr langweiliges Buch geschrieben.

Warum nicht. Auch der „Katechismus der katholischen Kirche“ aus dem Jahr 1993 war keine Unterhaltungslektüre und hat sich trotzdem recht gut verkauft. Wer ihn nach Hause trug, hatte ein Stück Ewigkeit in sein Leben gebracht. So ähnlich verhält es sich mit dem Jesusbuch Ratzingers. Wer es liest, gerät in liturgische Zusammenhänge.

Das Vaterunser, dem Ratzinger ein ganzes Kapitel widmet, ist aus dem christlichen Gottesdienst nicht wegzudenken: „Der Herr sagt uns, wie wir beten sollen.“ Die Wahl der Gegenwartsform, die der Autor hier trifft, hat er in der Kirche gelernt. Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheidet, ignoriert jedes religiöse Ritual den Zeitpfeil, solang es zelebriert wird. „Der Herr“ Jesus beehrt dann die betende Gemeinde mit seiner Anwesenheit.

Dieser Struktur hat sich der Redefluss zu fügen, wenn er gottesdienstlich geprägt ist. „Von den Vaterunser-Auslegungen der Kirchenväter ist mir persönlich besonders lieb und daher öfter zitiert diejenige von Cyprian von Karthago (zirka 200 bis 258)“, bemerkt Ratzinger und spannt damit jenen für ihn selbstverständlichen Raum auf, der keine Vergangenheit kennt, dafür aber jene Art des Verweisens, die der indische Pandit ebenso beherrscht wie der Rabbi oder der Mullah, wenn die heiligen Texte ausgelegt werden, besser gesagt einander auslegen. Zeit spielt dabei keine Rolle, denn die Autoritäten, historisch durch Epochen voneinander getrennt, umstehen den Schriftgelehrten und nicken ihm zu, wenn er sie um Rat bittet. Das ist die hidden agenda des Joseph Ratzinger. Sie ist ihm so lieb geworden, dass ihm ein Kirchenschriftsteller aus dem dritten Jahrhundert weitaus nähersteht als irgendwelche obergescheiten Harnacks aus der Moderne.

Auf den über 400 Seiten seines Jesusbuchs hat Ratzinger 800mal die Bibel zitiert, von der Genesis bis zur Apokalypse. Wer die Heilige Schrift nicht aus dem Gottesdienst im Ohr hat, wird bei der Lektüre des Jesusbuchs von Ratzinger schnell ermüden. Der „wirkliche Jesus“ Ratzingers steigt während der Feier der Mysterien herab, wenn der Diakon das Sonntagsevangelium singt, im Hochamt der Missarum Solemnia, wie sie in der römischen Liturgie heißen.

Während der Feier einer heiligen Messe wurde der Erzbischof von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero, am 24.März 1980 von einem Killerkommando erschossen, drei Jahre nach seinem Amtsantritt. Er hatte es gewagt, in seine Predigten einen Begriff einzuflechten, der in der Bibel nicht vorkommt, den der „strukturellen Gewalt“, nachdem Romeros Sekretär und etliche andere Priester seiner Diözese von Rechtsextremisten ermordet worden waren. Der päpstliche Nuntius distanzierte sich öffentlich von Romero, der seine regimekritischen Gedanken in einen Hirtenbrief geschrieben hatte. Im Jahr 1979 sprach Romero im Vatikan vor. „Ich war dort völlig isoliert“, so Romero, „sie sahen mich alle an, als spräche ich Chinesisch.“

Der polnische Papst war damals bereits im Amt. Er hat, gemeinsam mit Ratzinger, lateinamerikanische Befreiungstheologen nicht besonders nett behandelt, zum Schweigen verdonnert, durch Schikanen zermürben lassen. Das Wort „Befreiung“ (liberación auf Spanisch) hört man in Rom nach wie vor nicht gern. Es fehlt auch im thematischen Register des Jesusbuchs von BenediktXVI. Im Mai will er die fünfte Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates eröffnen. In Lateinamerika lebt die Hälfte aller Katholiken. Halten wir die Daumen, dass Papst Ratzinger seinen Jesus mit der strukturellen Gewalt dort drüben konfrontiert, ohne Wenn und Aber.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2007)