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Interview: "Bücher sind wie die Liebe"

Dimitré Dinev über Mythen, und wie man ein erfolgreicher Autor wird. Sein Stück „Das Haus des Richters“ hat dieses Wochenende im Akademietheater Premiere.

Unheimlich, aber auch heiter geht es zu in Dimitré Dinevs „Das Haus des Richters“. Das Stück wird dieses Wochenende, am Samstag, im Akademietheater uraufgeführt. Es handelt von Liebe und Mord, Lügen, Macht, leichten Mädchen, betrügerischen Ehefrauen, dem Minotaurus & Europa – eine abenteuerlich anmutende Mischung. Abenteuerlich ist auch die Biografie des bulgarischen Schriftstellers. Schlepper ermöglichten seine Ausreise. Unter einem Zaun musste er durchkriechen, lebte zunächst im Flüchtlingslager Traiskirchen.

Unbehauste bevölkern Dinevs Geschichten. Er schildert ihre Schicksale lakonisch und humorvoll. Etwa in dem monumentalen Roman „Engelszungen“, mit dem er 2003 seinen Durchbruch erlebte. Ausschnitte aus seinem Erzählband „Ein Licht über dem Kopf“ dramatisiert Dinev derzeit für eine Aufführung am Wiener Volkstheater nächste Saison. Im Rabenhof war 2006 das Drama „Haut und Himmel“ zu sehen: Lovestory zwischen einem Söldner und einer Leichen fleddernden Frau mitten im Krieg.

Sich selbst sieht Dinev dennoch als lebensbejahend. Im Gespräch erzählt er von seiner griechischen Großmutter namens Kalliope, Muse des Epos und der Elegie. Und er berichtet von seinem Großvater, der für jüdische Geschäftsleute arbeitete. „Auf dem Balkan ist alles sehr vermischt. Meine Heimatstadt Plovdiv ist 10.000 Jahre alt. Da waren die Thraker, die Dionysos verehrten. Bulgariens Kultur ist sehr dionysisch. Ich schaue auf das Rhodopen-Gebirge. Dort ist Orpheus herumgegangen. Mythen waren Teil meiner Kindheit, meiner Fantasiewelt.“


„Helden sind gewalttätig“

Steht der nüchterne Westen Mythen nicht längst fern? „Ich glaube, dass wir sie heute noch leben. Wir denken griechisch. Unsere Archetypen stammen aus der griechischen Mythologie. Alle möglichen menschlichen Konflikte sind dort bereits vorhanden. Es sind keine richtig neuen dazugekommen. Weder in Europa noch in Amerika. Gerade die Amerikaner pflegen so gern Mythen. Sie leihen sie sich aus und vereinfachen sie: Theseus, Herakles. Helden sind gewalttätig. Sie nehmen selbst das Recht in ihre Hand, zeigen, was gut und schlecht ist, schämen sich nicht, ihre Werte zu vergesellschaften und messen sich mit den Göttern.“

Nach längerer Anlaufzeit scheint Dinevs Karriere bestens zu laufen. Die Vergangenheit bleibt dennoch präsent. „Andere zählen Schäfchen, wenn sie nachts nicht schlafen können. Ich zähle meine Berufe. Dabei schlafe ich allein von der Müdigkeit der Erinnerung ein. Ich habe in Kasinos gearbeitet, Würstel verkauft. Ich war Restaurator, Garderobier, Kellner, Bauarbeiter. Geschrieben habe ich nachts. Aber es war eine gute Erfahrung. Man erfährt viel über eine Gesellschaft, wenn man ganz unten steht. Du bist ausgeliefert, niemand fängt dich auf. Du kannst dich auf nichts verlassen.“ Nicht über Verlage ist Dinev in der Literatur gelandet, sondern durch Wettbewerbe. „Ich habe an sehr vielen teilgenommen. Es ist nicht wie beim Sport, dass man einmal gewinnt, und schon kommen die Sponsoren. Durch die Wettbewerbe habe ich gelernt, wie subjektiv und willkürlich Urteile sind. Da habe ich zum Beispiel in Deutschland eine Geschichte eingereicht, das Preisgeld waren 1500€. Ich habe es nicht bekommen. Dann habe ich die gleiche Geschichte in Österreich eingereicht, gewonnen und 2700€ bekommen.“ Auch das „Haus des Richters“ gibt es schon länger. Das Stück sollte ein Stipendium bringen, was aber nicht klappte. Darauf ließ Dinev die ersten Szenen liegen. Nun freut er sich, dass das Drama als Auftragswerk des Burgtheaters herauskommt.

Untergrundliteratur war früher ein wichtiger Teil des Buchmarktes. Was hat sich da verändert seit dem Fall des Eisernen Vorhangs? „Alles wächst zusammen. Es gibt keine großen Unterschiede mehr“, meint Dinev: „Was uns Menschen verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt. Vieles von der griechischen Mythologie hat seine Ursprünge in Ägypten. Das ist immer ein Zirkulieren. Amerikaner sind dem Fundament nach europäisch. Mexikaner verstehen meinen Text über Plamen, den Taxifahrer unmittelbar. Sie lachen, leiden mit ihm. Auch sie haben viele Migrationsprobleme.“


„Lieber leben als fernsehen“

Hat er nicht Angst, in diesem global fluktuierenden Literaturbetrieb morgen gegen einen anderen begabten Autor ausgetauscht zu werden? „Nein. Wieso? Es gibt doch so viele Leser. Ein und derselbe Leser liest mehrere Bücher und jeder findet andere Bücher gut. Ich selbst freue mich über jedes Buch, das mich inspiriert. Und es gibt viele Autoren, die mich inspiriert haben: Tschechow, Dostojewski, Joseph Roth, Horváth, die Griechen natürlich, auch Philosophen wie Husserl oder Emmanuel Levinas. Es wäre verrückt, wenn man sich fürchten würde. Wir arbeiten ja nicht in einer Fabrik, wo es 1000 Arbeitsplätze gibt, und wenn du nicht reinkommst, bist du arbeitslos. Fabrikarbeiter haben es schwerer. Bücher sind wie der Frühling oder wie die Liebe. Die erlebt man auch immer wieder, und trotzdem freut man sich jedes Mal von Neuem daran.“

Wie auch an der Welt, trotz aller bedrohlicher Szenarien: „Das Leben ist aller Theorie voraus. Ich glaube, dass ein Zusammenleben möglich ist. Man muss nur, statt fernzusehen, hinausgehen, mit Menschen reden, wieder direkte Wahrnehmung lernen, statt sich vor schrecklichen Bildern zu fürchten.“

Inline Flex[Faktbox] INFORMATION: Autor & Stück

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2007)