Theater-Premiere: So geht es nun einmal zu in Knaben-Heimen! Wirklich?

Felix Mitterers "Beichte" im Semperdepot, Ernst Stankovski und Gabriel Barylli schmoren in einer zu grausigen Hölle auf Erden.

Auch Priester können in ihrem Amt welken. Grau färbt die Zeit die einstmals strahlende Mission. Müde wirkt Pater Eberhard wie er durch den weiten Raum im Semperdepot wandert, kurz vor der Mutter-Gottes-Statue niederkniet, im Beichtstuhl Platz nimmt. Da knallt das Tor zu. Er erschrickt. Ein etwa 50-jähriger Mann hat die Kirche betreten. Auf seinen Armen trägt er ein in eine Decke gewickeltes Kind. Er legt es auf den Boden.

Der Mann heißt Martin. Der Pater hat ihn missbraucht. Und wie viele missbrauchte Kinder übt Martin das Verbrechen nun an seinem Sohn. Dabei wurde er erwischt, von seiner Frau, die ihm die Polizei hinterher geschickt hat. Nun will Martin seinen Sohn töten. Damit er nichts spürt, hat er ihm ein Schlafmittel gegeben. Doch bevor es zum Äußersten kommt, rechnen der Priester und sein einstiger Schützling miteinander ab. Ein Hörspiel ist Felix Mitterers Stück „Die Beichte“. Die Argumentation von Täter und Opfer wirkt ziemlich authentisch, wie der Priester erst leugnet, dann bekennt und schließlich Zuflucht nimmt zu ungeheuerlichen Ausreden wie jener, dass es nun einmal in allen Knaben-Heimen so zugehe und er eben statt an Frauen an Kinder geraten sei. Aber Mitterer kann auch nicht lassen von seinem Hang zum „Knall-Kompott“.

Immer neue Katastrophen häuft er auf Martins unerträgliches Schicksal. Im Schneesturm versucht sich der Junge vor den Zug zu werfen. Außer dem Priester vergewaltigen ihn weitere Erzieher und der Heimleiter. Erwachsen geworden knallt er im Sekundenschlaf gegen die Leitplanken der Autobahn usw. Ein solcher Overkill an Gräuel stumpft ab. Dabei hat Regisseur Michael Gampe einiges gestrichen. Und die Protagonisten hat er exzellent geführt. Gabriel Barylli als Martin verzichtet auf eitles Getue. Ernst Stankovski, ein wahrer Sir, münzt sein mitunter dröhnendes Pathos in dramatische Kraft um. Jim Holderied, der für den erkrankten Marcello Barylli eingesprungen ist, berührt als ahnungsloser Bub. Die Aufführung in der riesigen Halle, über der ein gewaltiger Christus thront, betäubt.

„Realismus der Gefühle“ nannte die Zeitschrift „Theater heute“ jüngst das mitunter ziemlich überdrehte, aber modische Benehmen von Schauspielern, die nach allen Regie-Exzessen nicht mehr wissen: Was noch? Realismus der Gefühle ist dies hier. Und er tut weh, speziell wenn man religiös ist.

Die Aufführung ist aber auch noch aus anderen als aus inhaltlichen Gründen interessant: Finanziert wird sie aus (erhofften) Einnahmen und der großzügigen Gabe der Geschäftsfrau Janine Dolezal, die sich das Stück gewünscht hat. Gesamtkosten: 160.000 €. Es gibt keine Subventionen. Der Reingewinn geht an das Kinderschutz-Zentrum Wien, Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, die mit Gewalt konfrontiert sind. Verantwortlich für die Aufführung ist das noch junge PopUp-Theater Zeno Staneks, Regisseur, Produzent, Verleger, Festivalmacher. Heute, Montag gibt es eine Diskussion über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche – nach der Vorstellung im Semper-Depot: mit Helmut Schüller, Mitterer, Max Friedrich. (bis 28. 4. ? 58885)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2007)

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