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Archäologie: „Die alte Dame ist reisemüde geworden“

Streit zwischen Ägypten und Deutschland um Nofretete-Büste eskaliert.

„Ägypten wird nie mehr Ausstellungen seiner Antiquitäten in Deutschland organisieren, wenn unser Wunsch, Nofretete drei Monate lang auszustellen, abgelehnt wird.“ So reagierte Zahi Hawwas, Chef der ägyptischen Altertumsverwaltung, auf die absehbare Ablehnung des Wunsches: „Die alte Dame ist nach 3000 Jahren reisemüde geworden“, hieß es aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die das Kleinod hütet.

Soferne es überhaupt eines ist – kaum ein anderer Gegenstand speist(e) so viele Verschwörungstheorien: Ist das, was in Berlin gezeigt wird, die echte Nofretete? Oder ist es eine Kopie? Gibt es überhaupt ein Original, oder hat Ludwig Borchhardt, Leiter der deutschen Grabung, gar nichts gefunden, sondern etwas fabriziert, als er am 7.Dezember 1912 in Amarna, auf halbem Weg zwischen Luxor und Kairo, die 50 Zentimeter hohe Kalksteinbüste vorzeigte, die 1355 v.Chr. von Thutmosis geschaffen worden sein und die Gattin des Echnaton zeigen soll, „die Schöne, die gekommen ist“?

Er hat wohl etwas gefunden. Aber das wurde ihm – unter höchst unklaren Teilungsverhältnissen zwischen Ägyptern und Deutschen – zugesprochen und von ihm außer Landes gebracht. „Geschmuggelt“ habe man Nofretete, vermutet Hawwas heute, „indem man die Züge der Königin mit Lehm unkenntlich machte“. Wie auch immer, sie kam nach Berlin, in die Privatwohnung des Mäzens James Simon, der die Expedition finanziert hatte. Er schenkte sie 1920 dem Staat Preußen. Von dem wollte Ägypten sie zurück – abtauschen, gegen andere Antiquitäten –, es hätte sie fast auch bekommen: 1933 hieß Preußens Ministerpräsident Hermann Göring, er wollte ein gutes Verhältnis mit Ägyptens König, ein ägyptischer Minister war schon zum Abholen in Berlin. Hitler persönlich intervenierte, er wollte das „Juwel“ für sich.

Dann kamen die Bomben, Nofretete wurde vorsichtshalber ausgelagert. Wohin? Möglicherweise begann ein großes Verwirrspiel, die Büste wurde an mehreren Orten zugleich gesehen, eine Variante soll gar in die USA gelangt sein. Nur das Original sei in Berlin geblieben, aber dort auch gegen eine Kopie ausgetauscht worden, als die terroristische „Rote Armee Fraktion“ in den 70er-Jahren den Schatz entführen wollte.

Gerüchte genug, in Wahrheit geht es natürlich darum, wem das kulturelle Erbe gehört, in Berlin steht auch der Pergamon-Altar, den die Türkei gerne zurückhätte. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2007)