Western-Fans können vielleicht besser mit Amerikanern fühlen, die ein Gewehr besitzen wollen.
Darf ich Sie, liebe Leser, einmal etwas fragen? Nein, nichts Privates, nur eine simple Auskunft: Sind Sie liberal?
Keine Sorge, die Antwort wird nicht gegen Sie verwendet. Sie müssen auch gar nicht antworten, diese Kolumne ist kein verpflichtend interaktives Medium. Aber ich vermute, die meisten von Ihnen würden mehr oder weniger eindeutig mit Ja antworten. Zumindest nicht mit Nein.
Wie, Sie würden gern eine Gegenfrage stellen? Sie fragen mich, wie liberal ich denn bin? Lassen Sie mich ein wenig trotzig sein: Ich weiß nicht so recht. So viele Menschen bekennen sich heute offensiv als liberal, sei es als links-, rechts-, neo-, ordo-, sei es als wirtschaftsliberal, da braucht man mich doch gar nicht mehr. Von den drei Grundwerten der Französischen Revolution erfreut sich die Freiheit heute weitaus der meisten Verteidiger und Vorkämpfer; die Gleichheit und Brüderlichkeit (resp. Schwesterlichkeit) führen ein Schattendasein, die brauchen meine Fürsprache mehr.
Aber vielleicht sollten wir die Liberalität etwas näher bestimmen. (Wobei wir den leidigen Bereich der Marktfreiheit einmal beiseite lassen.) Zum Beispiel durch folgende Fragen:
(1)Sind Sie dafür, dass jeder die Freiheit hat, auf der Autobahn so schnell zu fahren, wie er will?
(2)Sind Sie dafür, dass jeder die Freiheit hat, Marihuana anzubauen und zu rauchen, wann er will?
(3)Sind Sie dafür, dass jeder die Freiheit hat, privat eine Schusswaffe zu besitzen?
(4)Sind Sie dafür, dass jeder die Freiheit hat, in der Fußgängerzone Theater zu spielen, auch Stücke, die den christlichen Glauben verspotten?
Nach allen Erfahrungen scheint es plausibel, dass zwischen den Antworten auf (1) und (3) und zwischen den Antworten auf (2) und (4) jeweils eine deutliche Korrelation besteht. Wer auf (1) und (3) mit Ja und auf (2) und (4) mit Nein antwortet, wird für gewöhnlich als „rechts“ eingestuft; das umgekehrte Muster gilt als „links“.
Dabei bedeutet jede der vier Fragen eine Entscheidung für oder gegen eine Freiheit; wer viermal mit Ja antwortet, den dürfen wir wohl als „absolut liberal“ bezeichnen. Das Problem ist nur, dass es für gewöhnlich nur um eine dieser Fragen geht – angesichts des Amoklaufs in Blacksburg, Virginia, USA, z.B. um (3) –, und dass jeweils viele der Ja-Sager ihr Ja mit einem Bekenntnis zur Liberalität verbinden.
Das täuscht darüber hinweg, dass diese Entscheidungen oft stärker durch Emotionen geprägt sind als durch ein grundsätzliches, kategorisches Bekenntnis für oder gegen Freiheit. Gegner freien Cannabis-Konsums haben meist ein unfreundlicheres Bild vom „typischen Kiffer“ als Befürworter. Wer für Tempolimits auf Autobahnen eintritt, hält Raser eher für unsympathische Angeber-Machos als Freunde der „freien Fahrt für freie Bürger“. Western-Fans verstehen vielleicht besser, dass viele Amerikaner Gewehre haben wollen.
Natürlich wird man für „Versachlichung“ eintreten, sollte abwägen, welche Freiheit die Freiheit anderer wie stark bedroht. Aber es täte gut, wenn sich mehr Diskutanten dazu bekennen, dass aus ihren Haltungen auch Gefühle, ja: Ressentiments sprechen. (Das ist okay, keiner von uns ist ein reiner Verstandesmensch.) Und wenn das Atout „liberal“ seltener ausgespielt würde. Es ist oft nur ein Jolly Joker.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2007)