„Sport ist einfach mein Leben“

Gunnar Prokop über sein Lebenswerk Hypo NÖ, das seit 35 Jahren besteht und seit 30 Jahren Europacup spielt, „Jammerer“, Erfolge, Glück und das Leben ohne seine Liese.

Die Presse: Hypo Niederösterreich ist 35 Jahre alt, der Verein spielt seit 30 Jahren im Europacup. Warum wurde der Damen-Handballklub einst gegründet?

Prokop: Der Leichtathletik-Verein LAC Raiffeisen Energie, das war ein sehr erfolgreicher Klub mit Liese Prokop, Ilona Gusenbauer, Eva Janko und Maria Sykora, hat im Winter 71/72 einen Ausgleich gesucht. Angefangen hatten wir mit Basketball, es war für die Mädels aber nur ein Rugby-G'spiel. Da hab ich gesagt: Tun wir's kultivieren. Da Maria und Liese bei Tulln Handball gespielt haben in der Schule, war schnell alles klar. Und so nahm alles seinen Lauf.

Wie würden Sie heute den Klub, seinen Mythos beschreiben?

Prokop: Hypo ist Spiel, Leben, Emotion, Leid, Team, Gemeinsamkeit. Mythos – was ist das? Ein bisschen hochtrabend, oder? Aber Hypo ist ein Großteil meines Lebens. Es gab über 240 Europacupspiele, das ist Weltrekord. 31 Titel in Serie ist ja auch etwas, es ist eine Verpflichtung. Für mich, alle Spielerinnen. Hypo ist nicht nur ein Klub, es ist mehr.

Waren Spielerinnen immer gleich Feuer und Flamme für den Klub?

Prokop: Das ist eine emotionale Lage, die muss sich entwickeln. Ein Teil der jetzigen Spielerinnen ist schon länger da, die haben mich kennen gelernt und gemerkt, was da alles passiert. Ich selbst bin 1972 dienstzugeteilt worden vom Ministerium! Ich war Lehrer und habe den Bau des BSZ überwacht. Und ich erinner' mich an den Beton-Rohklotz. Da habe ich mir gedacht: Wie gibt's des, das uns da mal einer schlägt? Oft hamma ja eh net verloren...

Was bedeutet der Verein für Sie?

Prokop: Hypo ist eine Kraft! Die haben andere Vereine nicht. Die Logwin ist des Geldes wegen nach Aalborg gegangen. Das ist keine Schande, sie muss ja ihre Familie ernähren. Aber wie kann sie dort ein Herz entwickeln?

Gibt es im Profi-Sport überhaupt noch Herz? Heute bestimmen doch nur die Gagen, wo jemand spielt?

Prokop: Ohne Herz geht gar nichts! Ohne Herz kein Erfolg, auch wer den Klub wechselt wie das Hemd, der wird nie glücklich sein. Es muss diese Kraft entstehen.

Was vermitteln Sie den Spielerinnen, wie entsteht „Gemeinschaft“?

Prokop: Das geht nicht von heute auf morgen. Es geht nicht in einem Gespräch, das muss man leben. Mit Sachen, die wir nebenbei zusammen machen. Wie am Berg gehen, ins Theater, eben beisammen sein.

In 35 Jahren waren zig Spielerinnen da, an welche haben Sie die besten Erinnerungen?

Prokop: Pffff! Es haben einige mitgeholfen, dieses Flair aufzubauen. International hat uns Milena Foltynova geholfen den Fuß reinzulegen. dann kam Jasna Kolar-Merdan, auch Mia Högdahl hat uns geprägt. Jetzt ist es Oh Suong-Ok, eine Frau, die unglaublich reif ist, handballerisch und menschlich. Ganz wichtige Spielerinnen waren Liese und Maria, die haben mitgeholfen beim Übergang von der Leichtathletik in die Hausfrauen-Sportart Handball. Aber der österreichische Damen-Handball ist heute noch ein Hausfrauen-Sport.

Gibt es keine Talente in Österreich?

Prokop: Man darf das nicht immer über den Topf scheren. Wir haben immerhin eine Mannschaft, die Vereins-U15-Europameister geworden ist. Und eine, die erstmals in der Sportgeschichte Schul-Weltmeister geworden ist. Das heißt, das Potenzial ist da, wie in allen Ländern und allen Sportarten. Das große Problem aber ist, wie gelingt es, in einer Sport-Disziplin – die in Österreich eine Hausfrauen-Liga ist – Mädchen dazu zu bewegen, zu trainieren und sich zu entwickeln, damit sie für Hypo interessant werden? Hypo hat ein Ziel: Immer die Champions League zu gewinnen. Und das geht mit 19- oder 21-jährigen Mädels allein nicht. Du brauchst auch Profis.

Mit wem ist leichter zu arbeiten: Frauen oder Männern?

Prokop: Mit Frauen zu arbeiten ist schöner. Sie sind zu sich viel härter. Nur, bis sie diese Überzeugung haben, ist der Weg brutaler als bei Männern. Da kommen Wenn und Aber, alles ist kompliziert. Aber wenn du sie überzeugt hast, marschieren sie. Ich habe auch eine sehr gewagte Hypothese: Vielleicht, weil der Herrgott sie dafür geschaffen hat, Kinder zu kriegen, können sie härter zu sich sein, weil sie Schmerzen leichter ertragen als Männer. Sie können sich quälen. Aber: Das ist nur eine sehr gewagte Hypothese von mir.

Was hat Österreichs Handball generell für ein Problem, wer jammert?

Prokop: Ich glaube, dass nicht die Sportler jammern, sondern die Funktionäre sind die Jammerer. Sie sollen schauen, dass sie eine Halle kriegen und Geld haben! Ich brauch auch nicht jeden Tag eine Halle, ich geh halt rennen.

An welchen der acht Meistercup- und Champions-League-Siege haben Sie die besten Erinnerungen?

Prokop: An den ersten Sieg natürlich, da brauchen wir überhaupt nicht reden... Das ist einzigartig. Es ist ein Gefühl unglaublichen Glücks! Dieses Hormon ist der Beginn der Sucht. Es ist der schönste Moment im Leben. Nicht die Hochzeit, das erste Kind, aber da oben zu stehen, als der Beste – darum geht's! G'winnen ist grundsätzlich schöner als verlieren. Sonst hätte ich längst aufgehört.

Wie lange machen Sie weiter, könnten Sie ohne Handball leben?

Prokop: Mir macht es Spaß, ganz enorm viel Spaß. Und durch meine private Situation, jetzt, ohne die Liese, das muss ich sagen, ist Hypo ein wichtiger Bestandteil für mich geworden, den ich brauche! Es ist eine Kraft für mich.

Was haben Sie in den 35 Jahren vom Sport, vom Handball gelernt?

Prokop: Ich habe für mich und alle anderen Handball entwickelt, ich habe gelernt, Handball zu denken. Und Sport ist mein Leben. Ich habe den schönsten Beruf, den es gibt: Sport mit der Jugend als Internatsleiter, was willst mehr?

Wie würden Sie sich charakterisieren? Sie haben Freunde, Feinde, Bewunderer, Neider...

Prokop: Paar Feinde habe ich schon, leider mehr, aber das ist ja auch ein Erfolg. Wann ich das wäre, was viele glauben, hätte ich nie Erfolg gehabt, nie! Weil nur mit „Gemma, Gemma“ geht nix, du musst auf Menschen eingehen. Ich bin sehr konsequent in meiner Arbeit, das ist eines meiner Geheimnisse. Und das zweite ist, ich versuche der Mannschaft klarzumachen, dass ein Zusammenleben nur dann möglich ist, wenn man sich akzeptiert. Allein auf einer Insel kann ich allein blöd sein. In einer Profimannschaft geht das nicht. Ich hab Fehler, du hast Fehler, also bitte akzeptiere sie und wir alle leben super miteinander!

Inline Flex[Faktbox] 30-JÄHRIGE EUROPACUP-GESCHICHTE("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.