Euronews: "Wir sind eine Suchmaschine"

CEO Philippe Cayla bietet dem ORF eine Beteiligung an. Der ORF überlegt.

Wir geben Alexander Wrabetz eine historische Chance“: Philippe Cayla, CEO des paneuropäischen Nachrichtenkanals Euronews, kam Donnerstag nach Wien, um ORF-Generaldirektor Wrabetz zu überzeugen, Anteile am Sender zu übernehmen. Gegründet wurde der News-Kanal 1993 – „als die EU-Begeisterung noch groß war“, meint Cayla zur „Presse“ mit Augenzwinkern.

Der ORF könnte der erste rein deutschsprachige Teilnehmer an Euronews werden. Deutschlands Öffentlich-Rechtliche haben beim Entstehen der Organisation eine Mitgliedschaft abgelehnt, weil der damalige Intendant darauf beharrt hatte, die Euronews-Zentrale in München zu installieren. Die Wahl fiel dann allerdings auf das französische Lyon. Ebenfalls aus dem von der EU gestützten Euronews hält sich die BBC – sie bietet mit BBC World eigenes Programm.

21 Sender, sieben Sprachen

Dennoch sind 21 Sender an dem als Aktiengesellschaft organisierten Medienunternehmen beteiligt, darunter die italienische RAI und das spanische RTVE. Derzeit hat Euronews einen Wert von 25Millionen Euro. Der ORF könnte mittels Kapitalerhöhung einsteigen, ein Prozent Beteiligung kostet 250.000Euro. Die Schweiz etwa hält neun Prozent – und sitzt auch im Aufsichtsrat.

Euronews hat täglich sieben Millionen Zuseher in Europa und hier das Mehrfache der Reichweite von CNN. 2006 hat man einen Umsatz von 40Millionen Euro erwirtschaftet. Wie funktioniert Euronews eigentlich? „Wir sind eine Suchmaschine, betrieben von der Ressource Mensch“, definiert Cayla. Ein siebenköpfiges Journalistenteam bereitet internationale Informationen auf: „Unser Unterscheidungsmerkmal sind nicht die verschiedenen Nationalitäten, sondern die verschiedenen Sprachen.“ Russen, Italiener, Spanier etc. beobachten also jeweils ihre nationalen Medien („Wir benützen das Material unserer Aktionäre“) und schlagen Alarm, sobald Agentur oder Sender eines Landes eine Exklusivmeldung bringt.

Eine österreichische Beteiligung würde mehr österreichische Inhalte in den europäischen Kanal bringen – selbst Berichte über Deutschland könnte sich Cayla vom ORF-Korrespondenten aus Berlin vorstellen. Kosten würde es den ORF 350.000Euro Lizenzgebühren pro Jahr. Im Gegenzug erhielte man die Erlaubnis, das Euronews-Programm für sich zu nutzen – also etwa einige Stunden pro Tag auf TW1 damit zu bespielen. Cayla weist auf den Nutzen für in Österreich urlaubende, fremdsprachige Touristen hin. „Beim Digital-TV wäre es sogar möglich, unser Programm in allen sieben Sprachen anzubieten.“

Wrabetz: „Allfällige Kooperation mit TW1“

ORF-General Alexander Wrabetz bestätigt auf Anfrage Gespräche: Es gehe um eine „allfällige Kooperationen mit TW1“. Werner Mück sei bei dem Treffen dabei. Es handle sich nur um ein „Informationsgespräch“.

Euronews produziert derzeit auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Russisch – ab 2008 kommt Arabisch hinzu. Man zieht gegenüber der Konkurrenz (CNN, Al-Jazeera, BBC) nach.

Die Vielsprachigkeit funktioniert deshalb so flexibel, weil es bei dem Sender keine Moderatoren gibt: „Bei uns ist nicht Sabine Christiansen die Hauptperson“, sagt Cayla, „sondern eben Romano Prodi oder José Barroso.“ Das mache es auch einfacher, eine gemeinsame journalistische Linie zu finden. Euronews treibt diese Art der Berichterstattung auf die Spitze: In der Rubrik „No Comment“ werden unkommentiert Sequenzen zu aktuellen Anlässen wiedergegeben. Dennoch gäbe es von Zeit zu Zeit „Streit, aber keinen Krieg“ unter den Journalisten.

Inline Flex[Faktbox] ZUM EMPFANG: In Österreich("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2007)

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