Oxford-Forscher fanden im Kaninchen ein endogenes Lentivirus.
Wir sind auch Viren. Mit fünf bis acht Prozent besteht ein größerer Anteil unseres Genoms aus endogenen Retroviren als aus menschlichen Genen (Bauanleitungen für Proteine). Dazu kommt eine noch größere Basenflut, die im Wesentlichen aus Reverser Transkriptase besteht, dem Gen für das Enzym, mit dem die Retroviren ihre RNA in DNA umschreiben und dann in das Genom ihres Wirts eintragen. Dieses Gen steckt auch in DNA-Passagen („Line“), die sich selbst kopieren und anderswo einfügen können.
All dieses „Copy and Paste“ ersparen sich endogene Retroviren: Sie haben sich zur Ruhe gesetzt, nachdem sie irgendwann die Keimzellen unserer Vorfahren befallen und sich dauerhaft ins Erbmaterial eingeschrieben haben. So wandern sie nun – als Teil des Genoms – von Generation zu Generation, vertikal statt horizontal, endogen statt exogen. Meist bilden sie keine Virenpartikel mehr, sind auch nicht mehr gefährlich: Man kennt kein menschliches endogenes Retrovirus, das eine Krankheit verursacht.
Sehr wohl Krankheiten verursachen die exogenen Retroviren der Familie der Lentiviren. so benannt, weil die Leiden, die sie auslösen, oft nur langsam fortschreiten. Das berüchtigteste Lentivirus ist das HI-Virus, das Aids verursacht. Es ist vor einigen Jahrzehnten von Schimpansen auf Menschen übergesprungen, in denen es wesentlich bösartiger agiert als in Affen, wo es SIV („simian immunodeficiency virus“) heißt und sich mit seinen Wirten quasi arrangiert hat. Diese geben es – horizontal – weiter, erkranken aber kaum daran.
In uns seit sieben Millionen Jahren
Wie lange bewohnen Lentiviren Säugetiere? Seit mindestens sieben Millionen Jahren, sagen Forscher um Aris Katzourakis (Oxford, UK) in Pnas (104, S.6261). Sie haben im Genom von Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) erstmals ein endogenes Mitglied der Lentiviren-Familie gefunden, das sie „Relik“ nennen („Rabbit Endogenous Lentivirus type K“). Dieses hat sich sowohl horizontal als auch vertikal verbreitet, heute ist es bei Kaninchen nur mehr in endogener Form nachweisbar. Sie datieren es auf ein Alter von sieben Millionen Jahren – und vermuten, es könnte die Urform aller Lentiviren sein, die heute Säugetiere befallen. Um das zu ergründen, wollen sie sogar eine infektiöse Form rekonstruieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2007)