Donaufestival. The Notwist und Fennesz begeisterten am ersten Abend in Krems.
Pinkes Plüsch, große Augen, gut vier Meter groß: In der Lounge sitzt das rührende Donaupferdchen des Wiener Künstler- und Party-Kollektivs H.A.P.P.Y. Es spuckt auf all die sinnigen und unsinnigen Fragen, die via Computer-Terminal gestellt werden, eine Antwort aus. Was das Ziel des Lebens sei, fragt ein Besucher. Die Antwort: „Nichts widerstrebt mir mehr, als das Universum zum Implodieren zu bringen.“ Bei Ryoichi Kurokawa, der kurz darauf das Musikprogramm des diesjährigen Donaufestivals eröffnete, war man sich nicht so sicher. Die Lärmkaskaden, die tiefen Frequenzen, die der schmächtige Japaner aus seinem Laptop holte, erschütterten zumindest die Grundfesten der Kremser Messehalle gehörig. Musik, die man am eigenen Leib spürte, begleitet von rasanten Computeranimationen. Spannend wurde es immer dann, wenn all das Knarzen und Knistern Struktur gewann, sich zu einem Rhythmus verdichtete, wenn sich ein Beat formte. Dann wieder regierte weißes Rauschen, war es so laut, dass es viele aus dem Saal trieb.
Nichts Neues beim vor zwei Jahren als Subkulturspektakel neu positionierten Donaufestival: Dass es ungemütlich werden kann, ist im dritten Jahr der Intendanz Tomas Zierhofer-Kins bereits Routine – und (wohldosiert!) auch gut so. Lieb gewonnen ist längst auch der köstliche Marillenkuchen im charmant-grindigen Messe-Buffet und die Einbeziehung des Parkhotels als Spielstätte. Dort, auf Zimmer 115, verlieh die Wiener Performancegruppe toxic dreams Alpträumen Gesichter: Zwei Frauen im Bett, ihre Körper zucken. Ihr bald schmerzhaft verzerrtes, bald wahnwitzig lachendes Antlitz wird abgefilmt, am Rechner verfremdet und gegenüber projiziert. In kleinen Grüppchen eingelassen, wird man zum Voyeur, spürt die Intensität von „Sleep“ unmittelbar.
Haben die sich auch Kekse reingezogen?
Das kanadische Trio Priestbird hingegen ließ kalt mit seinen ersten Songs, zwischen hartem, dumpfem Rock, Folk und Klassik-Einsprengseln. Und wirkte mit nacktem Oberkörper, Pathos und einer doppelhälsigen Gitarre unfreiwillig komisch. Im Stadtsaal war es gleichzeitig wirklich komisch, ja, aberwitzig. Gob Squad, deutsch-englische Stammgäste in Krems, spielten Filme von Andy Warhol nach, in denen dessen Stars ganz normale Dinge tun: selbstreferentiell, klug, ironisch. Im Bühnenraum ist die Küche aus Warhols „Kitchen“ nachgebaut. Was dort passiert, wird auf der Leinwand davor gezeigt. Die Akteure wollen fühlen wie in den Sixties, wollen so aufregend, so wild wie damals sein. „Ich glaube, die haben sich damals alles reingezogen“, sagt eine. „Du meinst auch Kekse?“, die andere. Und schon schnupfen die zwei Frauen eine zentimeterdicke „Line“ Keksbrösel.
In der Halle beugte sich Christian Fennesz, Wiener Elektronikmusiker von Weltrang, über seinen Laptop und spielte – Gitarre. Jenes Instrument, das in den letzten Jahren zwar als Quelle seiner Samples diente, live aber zuhause blieb. Stark verzerrt, umspülte und begrub Fennesz die Klänge seiner Saiten unter dichten Soundschichten, Brummen und Rauschen. Und erzeugte ein Fließen, ein permanentes Anschwellen, bei dem es egal war, ob und wann es sein Ziel erreichte. So geriet der rare Auftritt des heute in Paris Lebenden zum ersten musikalischen Höhepunkt des Festivals.
Fesselnder waren nur The Notwist aus dem bayrischen Weilheim. Sie nahmen die Songs ihres Pop-Meisterwerks „Neon Golden“ zumeist lediglich als Ausgangspunkt, spielten ungehörte Versionen. Keine Spur der Schwächen, die die Live-Umsetzung ihrer diffizilen Songs noch vor ein paar Jahren aufwies. Hoch konzentriert und doch gelassen, vor allem selbstsicher deuteten sie etwa ihren Hit „Pilot“ als minutenlangen Dub-Reggae, nur um dann den Refrain schwelgerischer denn je zurückzubringen. Oder spielten „Pick Up The Phone“ vertrackter als sonst, mit ausuferndem Finale. Sehr dicht, sehr intensiv und zu Recht heftig umjubelt. Wer dann noch wollte – und konnte –, tanzte zum Set des britischen Duos Addictive TV, das nicht nur Songs, Text- und Soundfetzen ineinandermischte, sondern auch die dazugehörigen Bilder. So hörte und sah man etwa Elvis und The Streets aufeinanderprallen.
Inline Flex[Faktbox] KREMS: Was noch kommt("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2007)