Ein Fest für alte Säcke

Theater in der Josefstadt. F. X. Kroetz scheitert an Schnitzlers „Der Ruf des Lebens“.

In der Josefstadt konnte man am Donnerstag Zeuge eines gemeinen Verbrechens werden. Zu sehen war drei Stunden lang die aktive Sterbehilfe für ein in die Jahre gekommenes Drama von Arthur Schnitzler. Regisseur Franz Xaver Kroetz hat „Der Ruf des Lebens“ in einen seichten Bauernschwank verwandelt, „in an gscheitn Schmårrn“, sogat da Bayer.

Weil wir aber nicht im lustigen München sind, sondern nur im larmoyanten Wien, kommt zur Gemeinheit die Infamie, und zwar von Seiten des Publikums: Nicht einmal einen kitzlerkleinen Skandal haben die Josefstädter dem einst so wilden Franz gegönnt. Es fehlte nicht viel, und beim Cunnilingus des Jungoffiziers (Alexander Pschill) an der Gattin des Oberst (Hilde Dalik) hätte es ermatteten Szenenapplaus gegeben.

Zu Schnitzlers Zeiten trieb man es in den Logen, bei Kroetz treibt man es auf der Bühne – alles nur eine Frage der Konvention. So ist es heute politisch korrekt, dass auch der Oberst (Toni Slama) den rivalisierenden Buben betatscht und küsst. Sicher hat auch zu Schnitzlers Zeiten die Homosexualität den Soldatenalltag bereichert, aber verdeutlicht wurde das auf der Bühne kaum. Selbst Herr Kroetz hat sich bei diesem Thema überraschend zurückgehalten; eine Fellatio zwischen den feschen Blauröcken, die das Publikum dann vielleicht aus der Reserve gelockt hätte, blieb aus. Geschadet hätte nicht einmal mehr das. Man musste sich nämlich vor und nach der Sexszene mit der platten Übertreibung ernster Themen fadisieren.

In den sicheren Tod

Worum geht es in Schnitzlers Dreiakter? Die 26-jährige Marie (Gerti Drassl) muss ihren todkranken Vater, einen pensionierten Rittmeister und Witwer, pflegen (Joachim Bißmeier). Sie leidet, still frustriert, manchmal hysterisch. Draußen rauscht das Leben vorbei. Die blauen Kürassiere – in einen Leutnant ist Marie verliebt – ziehen in den Krieg, sie suchen den sicheren Tod, weil sich ihr Regiment vor dreißig Jahren feige verhalten haben soll. (Vater war der Feigling.) Ein Forstadjunkt (Florian Teichtmeister) wirbt um Marie. Vater lässt's nicht zu. Die Tante (Elfriede Schüsseleder) will die Nichte in die Grünau locken, Vater lässt's nicht zu. Der Doktor (Peter Scholz) fordert ein wenig Erholung für Marie. Vater lässt's nicht zu. Der Doktor gibt Marie Medizin, um den Haustyrannen ruhig zu stellen. Die Tochter verabreicht eine Überdosis. Still. Ohne Reue.

Zweiter Akt: die Kaserne. Groteskes Liebesspiel und absurder Totentanz. Der Vater liegt als Untoter auf der Bühne. Nachdem der Offizier seine untreue Gattin erschossen hat, wird auch sie ein Zombie, so wie der Leutnant, der den Freitod wählt. Das kümmert nicht den Unteroffizier (Mario Hellinger), der stoisch den Wachdienst versieht.

Zur Untoten wird im dritten Akt auf dem Lande auch Maries schwindsüchtige, lebenshungrige Cousine Katharina (Susanne Wuest), zum Donauwalzer vollführen die Verblichenen einen Totentanz. Das Stück, das naturalistisch zu den Klängen des Radetzky-Marsches begonnen hat und dann in die Farce abglitt, endet surreal.

Die Inszenierung lässt den Schauspielern wenig Chance. Stark sind Bißmeier als Ekel, Slama als Gehörnter und Drassl als stille Drohung. Teichtmeisters Kunstdialekt wird bald peinlich, Scholz muss ständig cholerisch sein. Die Bühnenbilder sind aufdringlich schäbig, sie passen also dazu.

Inline Flex[Faktbox] JOSEFSTADT: Schnitzler("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2007)

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