Gegengift: Ein Fest für alte Meister

Ein befreundeter Kritiker hat mir, während ich am Freitag nach eins noch mit ganz profanen Dingen in der Redaktion beschäftigt war, vorgeschwärmt...

Ein befreundeter Kritiker hat mir, während ich am Freitag nach eins noch mit ganz profanen Dingen in der Redaktion beschäftigt war, vorgeschwärmt, dass Kammerschauspieler Michael Heltau in Hochform war, als er am Vorabend im Wiener Konzerthaus einen Abend zelebrierte. Das ganze Burgtheater-Ensemble habe der Heltau ersetzt, als er Szenen aus Schnitzlers „Literatur“ vortrug. Ein Fest sei es gewesen.

Am Donnerstag war ich leider beruflich verhindert, aber ich kann mir gut vorstellen, wie der Abend verlief. Der Doyen des Burgtheaters ist bei solchen Vorträgen zu allem fähig – zu Leidenschaft und Pathos ebenso wie zu kühler Grausamkeit. Vor allem aber beherrscht er souverän die Klaviatur dazwischen. Und das halte ich bei Arthur Schnitzler für so wesentlich wie bei Anton Tschechow. Wenn die besten Schauspieler unter Anleitung eines kundigen Regisseurs dieses Nebenbei aus den Texten kitzeln, dann beginnt die Luft zu flimmern. Ein sinnliches Scheinen der Idee stellt sich ein, würde der umfassend studierte Kunstfreund sagen.

In solchen Momenten ist es mir völlig egal, ob auf der Bühne drei Birken vor einem leicht lädierten russischen Herrenhaus stehen oder drei Zapfsäulen vor einer zerbombten serbischen Tankstelle, es ist mir egal, ob die Schauspieler weiße Leinenanzüge tragen oder Gestapo-Ledermäntel. Ich konzentriere mich dann auf die Kunst der Interpretation. Nicht einmal die rüdeste Derbheit schreckt mich ab, wenn sie zu den Zwischentönen passt. Warum auch? Schnitzler war in seiner Zeit ein Skandal-Autor, er konnte so vulgär sein wie zart, auch Tschechow ist, wenn man genauer liest, nicht nur ein subtiler, sondern auch ein skandalöser Autor. Eines aber sind solch meisterhafte Dramatiker sicher nicht: andauernd schrill. Das haben sie nicht nötig.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.