32 – Eine Stadt erfindet sich neu

America's Cup. Valencia liegt im Segelfieber. 1,5 Milliarden wurden investiert, um die Stadt startklar für das größte Sportspektakel des Jahres und zwei Millionen erwartete Touristen zu machen.

Valencia. Die 32 prangt auf Plakaten, die 32 lacht von den Servietten im Café und die 32 steht auf den T-Shirts der Touristen. Valencia steht im Banne des 32. America's Cups, der Formel 1 der Meere, der Königsklasse im Segelsport.

Elf Mannschaften aus zehn Ländern und fünf Kontinenten kämpfen im Louis-Vuitton-Cup in Matchraces jeder gegen jeden darum, wer ab 23.Juni als Sieger im eigentlichen America's Cup mit dem Schweizer Titelverteidiger Alinghi um die Wette fahren darf. Auch wenn an den ersten sieben Vuitton-Cup-Tagen der Flaute wegen erst an zwei Tagen Wettfahrten ausgetragen werden konnten, die Zuseher waren dennoch begeistert und applaudierten den aus dem Hafen auslaufenden Crews. Auch die drittgrößte Stadt Spaniens jubelt. Seit dem Beginn der Vorbereitungen für Vuitton- und America's Cup vor drei Jahren hat sich die drittgrößte Stadt Spaniens quasi selbst neu erfunden.

Kampf um den Austragungsort

Als das siegreiche Alinghi im März 2003 den Pokal in Auckland der neuseeländischen Mannschaft abgejagt und den Cup erstmals seit 1851 nach Europa geholt hatte, stand das Team vor einem Problem: Mit dem Sieg in der prestigeträchtigsten Regatta der Welt hatte die Crew von Ernesto Bertarelli, dem Schweizer, der in der Pharmabranche ein Milliardenvermögen erworben hatte, das Recht erworben, den Austragungsort für die 32. Auflage des Cups zu wählen. Doch die Ausrichtung der weltweit größten Segelveranstaltung im Heimathafen Genf schien unmöglich, eine andere Location musste gefunden werden: Mehr als 50 Städte bewarben sich, gegen eine „Ablöse“ von 90 Millionen machte aber die 850.000-Einwohner-Stadt Valencia das Rennen: wegen der Lage und der großen Windsicherheit – von der zum Auftakt des Louis-Vuitton-Cups wenig zu merken war...

Mehr als eine Milliarde investierte die Provinz-Hauptstadt, um sich herauszuputzen, 110.000 Arbeitsplätze sollen so entstanden sein. Zusätzliche 500 Millionen Euro flossen in den Bau des Hafens, in dem es förmlich nach Geld riecht: der millionenschweren Syndikate, der großzügigen Lounges der Sponsoren, der neu gebauten Fünf-Sterne-Hotels und der Liegeplätze der Luxusjachten wegen: Öl- und Aluminium-Tycoon Roman Abramowitsch, Oracle-Gründer Larry Ellison oder König Juan Carlos haben hier großzügige Boote vor Anker.

High-Tech und altes Gewerbe

Alte Speicher und Spelunken im Hafenbereich wurden geschliffen, um auf einer Fläche von einer Million Quadratmetern einem neuen High-Tech-Hafen Platz zu bieten. Dennoch: Ganz sind die alten Lager im Hafenviertel „El Cabanyal“ nicht verschwunden. Auch nicht alle Mietskasernen. Sie sind nur durch Parkplätze vom neuen Glamour-Bezirk getrennt. Während die Gastronomie im America's-Cup-Hafen den kleinen Kneipen das Geschäft geraubt hat, scheint ein anderes Geschäft in Hafennähe gut zu gehen. Mit einem freundlichen „Hola chicos, qu tal?“ versuchen Mädchen am Straßenrand das Gespräch zu eröffnen.

Zu ebener Erde und erster Stock

Im neuen Hafen selbst, in dem im Laufe des Jahres zwei Millionen Besucher erwartet werden, haben nicht nur 20.000 Zuseher in der ersten Reihe fußfrei Blick auf das Defilee der ein- und auslaufenden Boote, auch die America's-Cup-Schiffe, für 17 Besatzungsmitglieder ausgelegt, mit ihren gigantischen Ausmaßen haben hier ihr zu Hause: 24 Meter lang, 24 Tonnen schwer. Der Mast misst stolze 33 Meter, das Großsegel 218m und der Spinnaker ist so groß wie zwei Tennisplätze und so lang wie die Tragfläche eines Jumbo-Jets.

Jedes der zwölf Syndikate hat seinen eigenen Tempel der Segelwissenschaft errichtet. Aus Beton, Stahl und Beton gebaut, gehorchen sie alle dem gleichen Prinzip: Zu ebener Erde ist Publikum willkommen, um informiert und anschließend durch den Kauf zumeist textiler Devotionalien um teure Euros erleichtert zu werden. Kappen kosten 20, Shirts ab 40 Euro. Im ersten Stock und den höher gelegenen Etagen ist nur erbeten, wer zum Team gehört oder wenigstens über eine VIP-Einladung verfügt. Einerseits tüftelten hier bis vor Kurzem die Masterminds am optimalen Material und brüten die Strategen nun über der perfekten Taktik, andererseits schwitzen hier die Segler – zumeist publikumswirksam hinter großen verdunkelten Fenstern – in den hauseigenen Fitness-Studios.

Valencias rührige Bürgermeisterin Rita Barberá Nolla hingegen träumt längst schon von den nächsten Großereignissen in der ursprünglich für ihre Orangen bekannten Stadt: von einem Formel-1-Grand-Prix mitten in der Stadt, von der Titelverteidigung der Alinghi und vom 33. America's Cup. Aber erst einmal von richtig gutem Wind, damit Louis-Vuitton- und America's Cup in den kommenden Wochen nicht Schiffbruch erleiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2007)

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