Pop

Bob Dylan: Durch die (blinde) Wüste

Bob Dylan auf Tour. Bald 66 Jahre alt, ist der Meister des Songs unablässig unterwegs. Und er kennt seine Lieder gut. Bericht von den Stationen in Stuttgart und Frankfurt.

Stuttgart hat ca. 70.000 Stufen und viel mehr als sieben Hügel, auf einem davon liegt die Porsche-Arena, 2006 eröffnet, ein graues Mehrzweck-Monster, in dem sonst Jahreshauptversammlungen und Boxkämpfe stattfinden. Auch der Weg von der S-Bahn-Station „Farbwerke-Hoechst“ zur Frankfurter Jahrhunderthalle (errichtet 1965 zum Hundertjahrjubiläum der Farbwerke) führt vielleicht nicht über „six crooked highways“, wie es in „Hard Rain's A-Gonna Fall“ heißt, aber doch über eine urbane Wüste par excellence.

Wer Bob Dylan auf seiner „Never Ending Tour“ ein Stück begleiten will, die ihn seit 1988 durch urbane Wüsten dies- und jenseits des Ozeans führt, muss über Asphalt wandern. Meist eilig, denn der Meister beginnt seine Auftritte pünktlich wie die „Zeit im Bild“ um halb acht. Meist in einer kleinen Karawane, kohärent von S- oder U-Bahn ausgespien, meist ältere Menschen, die nicht viel mehr eint, als dass sie eine beachtliche Anzahl von Bob-Dylan-Zeilen auswendig können.

„Some are mathematicians, some are carpenter's wives. (...) I don't know what they're doin' with their lives“, heißt es in „Tangled Up In Blue“, das Dylan in Stuttgart kehlig und überraschend dramatisch sang. Und weiter: „But me, I'm still on the road, headin' for another joint“ (= Kneipe, Anm.)

Das ist die erste Konstante des Bob Dylan: weiterziehen. „I'm out here a thousand miles from my home / Walkin' a road other men have gone down“: So begann 1960 seine erste auf Platte veröffentlichte Eigenkomposition „Song To Woody“, gewidmet Woody Guthrie und allen anderen, „that come with the dust and are gone with the wind“. Das war, aus dem Mund des 21-Jährigen, treuherzig, später kam Trotz dazu. Und ein Meer von Bildern, die sich oft um die und auf der Straße sammeln: am „Highway 61“, in der „Desolation Row“, im Stau („Stuck Inside of Mobile...“).

Auch diese drei Songs aus seiner ersten Genie-Zeit (1965/66) spielt er im aktuellen Abschnitt seiner endlosen Tournee, bald mit letzter Stimme gegen ihr Zerfallen kämpfend („Stuck Inside“ in Stuttgart), bald mit neuen Akzenten, die ihm seine fantastische Band legt („Highway 61 Revisited“).

Dabei ist nicht nur die Auswahl, sondern auch die Präsentation von Tag zu Tag verschieden: In Stuttgart war „It's Allright Ma“ vor allem ein schwerer, metallischer Blues, in Frankfurt klang es genauso bitter, aber leichter, und Dylan sang es klarer, präziser, nuancierter. Dabei ändert er nichts an den Texten, lässt höchstens eine Strophe ganz weg. Keine Rede davon, dass „der Text zu einem anonymen Materialbestand mutiert“, wie der „Philosoph, Wagner-Kenner und Dylanologe“ Richard Klein in der Zeitschrift „Spex“ schreibt. „I know my song well before I start singing“, heißt es in „Hard Rain“, und das hat Dylan stets erfüllt.

Zeitloses Antikriegslied

Das war natürlich damals, in Dylans sozial-realistischer Zeit, auch als Versprechen an alle Kräfte gedacht, denen der Sänger mit schwerem Regen droht. An die Kriegsherren etwa: „John Brown“ (1963), nie auf einem Studioalbum erschienen, das er nun bisweilen (etwa in Stuttgart) live singt, ist eine bittere Moritat über einen Buben, den die Mutter stolz in den Krieg ziehen lässt, der dann, Aug' in Auge mit dem „Feind“, begreift, dass er nur eine „puppet in a play“ ist, worauf ihm die Kanonenkugel das Augenlicht nimmt. Die Medaille drückt er der Mutter im letzten Satz in die Hand.

Ob Bob Dylan die Idee von Bert Brecht („Und was bekam des Soldaten Weib?“) geborgt hat? Den Plagiatsvorwurf würde er wohl genauso abweisen wie Brecht.

Der Damm bricht immer wieder

Das ist die zweite Konstante des Bob Dylan: weitermachen. Vor allem mit und in einer Tradition des amerikanischen Songs. In diese hat er sich am Anfang kühn selbst gestellt, in diese ist er – nach seiner zweiten Genie-Periode 1975–78 – zurückgekehrt. Seine Kunst hat im Archaischen, Überlieferten begonnen, und sie mündet wieder dort. Der Damm („levee“) bricht immer wieder, real und metaphorisch, vor allem bei schwerem Regen. Paradox und doch schlüssig, dass Dylan die neuen Songs, die fast unpersönlich sind in ihrer Traditionalität, am persönlichsten, am innigsten singt. (Beziehungsweise den Blues am lässigsten: „Thunder On A Mountain“, was für ein Rumpler!) „Nettie Moore“ etwa: Der Refrain ist aus einem alten schottischen Lied (Gentle Nettie Moore“, 1857) übernommen. Das Original hofft auf Wiedersehen im Himmel, Dylan stellt lakonisch fest: „The world has gone blind before my eyes.“

Das ist die dritte Konstante des (alten) Bob Dylan: stehen bleiben. Dem Fluss (wieder) beim Fließen zusehen, konstatieren, dass „things have changed“, die zunehmende Schlechtigkeit einer „World gone wrong“ beklagen. Mit leiser Selbstironie vielleicht. Außer in dem Song, den er derzeit wieder als Zugabe singt: „All Along The Watchtower“, jede Zeile ein Paukenschlag, von manchen (Mathematikerinnen?) im Publikum mitgeraunt. Hier stellt er nach der letzten, apokalyptischen Strophe noch einmal die erste, wo der Spaßmacher sich beim Dieb über die allgemeine Verwirrung beklagt: Die letzten Zeilen bleiben stehen: „None of them along the line knows what any of it is worth.“ Keiner weiß es. So ist das. Dann heulen noch einmal die Gitarren durch die Szene, und Bob Dylan (ver-)beugt sich wieder einmal nicht. Zurück auf die Straße, er und wir.

Inline Flex[Faktbox] TOURNEE: Real und auf DVD("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2007)

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