Volkstheater. "Am Strand der weiten Welt" – aufschlussreiche Familienaufstellung.
Das Ensemble des Volkstheaters hat am Sonntag bei der deutschsprachigen Erstaufführung von Simon Stephens' Drama „Am Strand der weiten Welt“ eine feine, kompakte Leistung geboten. Dieses in England 2006 mit dem „Olivier Award for Best Play“ ausgezeichnete Stück, das im unteren Mittelstand spielt, dürfte nämlich gar nicht so leicht in eine fremde Sprache zu übertragen sein. Dem Londoner Regisseur Ramin Gray jedoch sind das durch eine Katastrophe ausgelöste Umschlagen vom britischen Understatement in allgemein menschliche Verzweiflung und der Weg zurück in den britischen Alltag auch in der deutschen Version gelungen.
Drei Generationen der Familie Holmes scheinen ein recht ausgeglichenes Leben zu führen. Großvater Charlie (Gerd Rigauer) ist ein wenig großsprecherisch und trinkt des Öfteren über den Durst, aber er hat ja die liebe Gattin Ellen (Silvia Fenz) an seiner Seite, die offenbar alles ins Lot bringt. Die kleinen Streitereien sind offenbar beherrschbar. Omi will ins Kino, Opa will das nicht.
Die kleinen Ungereimtheiten
Auch die Sorgen der Kinder sind recht klein. Sohn Peter (Alexander Strobele) will ausgehen, seine Frau Alice (Therese Affolter) lieber fernsehen. Zwischen den beiden läuft offenbar nicht mehr viel. Beide sind nervös, weil ihr Sohn Alex (Raphael von Bargen) erstmals seine Freundin Sarah Black (Katharina Straßer) bei sich übernachten lassen will. Der zweite Sohn, Christopher, fünfzehnjährig (erfrischend gespielt von Martin Vischer), stellt die richtigen, peinlichen Fragen. Ihm fallen die kleinen Ungereimtheiten am ehesten auf. Er ist selbst in die Freundin des Bruders verliebt und leiht sich vom Opa einen Fünfer, um Sarah ein Bild des von ihr verehrten Fußballstars Roy Keane von Manchester United zu kaufen.
Es brodelt unter der Oberfläche
Eine putzige Idylle aus den Midlands also? Kleine Probleme kleiner Leute? Schon früh wird offenbar, dass es brodelt unter der ruhigen Oberfläche. Gray lässt auf der von ihm gestalteten, fast leeren Bühne mit dem schwarzen Vorhang im Hintergrund und zwei sparsamen Küchenzeilen an der Seite immer zwei bis drei Schauspieler zum verbalen Kräftemessen antreten. An der Rampe, im Scheinwerferlicht, stellt man sich dem Kampf, während die übrigen im verdunkelten Hintergrund zwischen Kleiderstangen beobachten: Familienaufstellung in allen Variationen. Es wird klar, dass Opa unheimliche Aggressionen gegen Oma auslebt, dass Mama und Papa nicht wissen, worüber sie reden sollen, dass die Jungen das Nest so schnell wie möglich verlassen wollen.
Jede Szene wird mit dem Aufeinanderschlagen von Hölzern beendet. Schicksalsschläge? Das Unglück: Christopher kommt beim Radfahren ums Leben. Es ist einfach passiert, aber alle in der Familie fühlen nun Schuld. Peter spricht sich bei einer schwangeren Kundin aus (ruhig und stark Susa Meyer), der er das Haus renoviert, Alice findet Verständnis bei jenem Mann, der ihren Sohn mit dem Auto überfahren hat (Paul Matic). Vor allem in diesen Szenen zeigen Affolter und Strobele intensives Theater, gewinnen an Kontur, während Schicht um Schicht der Fassade abbröckelt. Auch Fenz gelingt es, im Verlauf der zweieinhalb Stunden in ihrer Rolle immer stärker, vielschichtig zu werden, sie bleibt nicht bloß das arme Opfer. Etwas bemüht lässig wirkt hingegen Rigauer, während sich Straßer und von Bargen zumeist auf die Darstellung trotziger Jugend beschränken, besonders, als sie Abschied nehmen, um zu einem Freund in London zu ziehen (Peter Becker).
Der Ausbruchsversuch währt nur kurz, so wie die parallelen Versuche der Erwachsenen, sich zu verändern. Irgendwie werden die Beziehungen nach der Heimkehr nach Stockport notdürftig gekittet, Mühen eines versöhnlichen Endes. Opa überlebt eine für tödlich gehaltene Krankheit, der Ehebruch von Alice war eingebildet: „Fast, aber dann doch nicht“, sagt sie. Die Familie ist wieder vereint beim Sonntags-Lunch. Es gibt Brathuhn. Die Frauen kochen, die Männer trinken Bier. Wie immer. Für einen glücklichen Moment sind die dunklen Gedanken fort, die der Dichter John Keats in „When I Have Fears“ gesponnen hat, und die dem Stück den Titel geben: „Dann steh ich am Strand der Welt allein und in Gedanken, bis Liebe, Ruhm zur Nichtigkeit versinken.“ Eine poetische Aufführung voll diskreter Stärken.
Inline Flex[Faktbox] PREMIERE: Stephens in Wien("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2007)