Willkommen im Multiversum!

Der Wissenschaftsjournalist hat es gut: Er lernt ständig Neues – und darf es gleich weitererzählen. Diesfalls Wissen aus der großen Welt der Superman-Comics, das ich bei der Recherche über das Wesen des Kryptonit erworben habe.

Wer's gestern versäumt hat: Dieses enthält in einer Lesart das Element Kryptonium – nicht Krypton, das wäre zu edel –, in einer anderen ist es ein schlichtes Borosilikat, kryptischerweise mit Fluor versetzt (und in deutschen Agenturmeldungen mit „Sodium“, was wohl exklusiver klingen soll als „Natrium“). Auf jeden Fall ist Kryptonit, vor allem in seiner grünen Modifikation, angetan, Superman zu schwächen oder gar zu töten.

Superman wohnt im DC-Universum (von „Detective Comics“, so heißt der Verlag), das früher recht kompliziert war: eigentlich ein Multiversum aus parallelen Universen (inklusive verschiedener Versionen der Erde), das die Leser aber so verwirrte, dass es 1985 in der Folge „Crisis On Infinite Earths“ handstreichartig zu einem einzigen Universum zusammengefasst wurde.

Das finde ich nachträglich sehr begrüßenswert. Die Kosmologen könnten sich daran ein Vorbild nehmen, schließlich sagt uns die reine Vernunft, dass die Allheit nichts anderes ist als die Vielheit als Einheit betrachtet. So impliziert die (irgendwie kategoriell verwirrte) Annahme, dass es viele Allheiten gebe, den Schluss, dass man daraus begrifflich eine (neue) Einheit schmieden sollte. (Da capo ad infinitum.) Kant rules, okay!

Im (nun also auch schon historischen) DV-Multiversum gab es, wie ich erfahre, neben vielen anderen ein Universum, auf dessen Erde („Erde drei“) alle Charaktereigenschaften vertauscht sind, z.B. alle Superhelden böse und alle Superschurken gut sind.

Das bringt mich zu unserer letztwöchigen Publikumsfrage. (Zur Erinnerung: Die Frage „Sind Sie liberal?“ wurde durch vier Teilfragen getestet: Sind Sie dafür, dass jeder die Freiheit hat, (1)auf der Autobahn beliebig schnell zu fahren, (2)Marihuana anzubauen und zu rauchen, (3)privat eine Schusswaffe zu besitzen, (4)in der Fußgängerzone Theater zu spielen, das den christlichen Glauben verspottet? Dabei wurde suggeriert, dass ein „Ja“ auf (1) und (3) als politisch „rechts“ und ein „Ja“ auf (2) und (4) als politisch „links“ gilt.


Vielen Dank allen Einsendern! Fast alle Muster waren vertreten, auch unter den Menschen, die ich persönlich kenne, schätze und sogar für ministrabel halte, waren sowohl solche mit viermal „Nein“ als auch solche mit viermal „Ja“.

Stellen wir uns nun eine „Erde drei“ vor, auf der zwei Attribute in ihr Gegenteil verkehrt sind: politisch „links“ in „rechts“, „liberal“ in „nicht liberal“. Durch Anwendung beider Inversionsoperationen (nacheinander) wird aus jedem Antworten-Muster... – wieder das gleiche Muster.

Trivialer Trick, werden Sie sagen. Ich finde es versöhnlich. Und murmle, um die Angelegenheit durch ein weiteres Begriffspaar weiter zu verwirren, Zeilen aus der komischen Oper „Iolanthe“ (1882) von William Schwenck Gilbert und Arthur Sullivan: „I often think it's comical / How nature always does contrive / That every boy and every gal / That's born into the world alive / Is either a little Liberal / Or else a little Conservative!“

Ob Kryptonit da helfen würde?


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2007)

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