Mitten im sündhaften Wien

William Shakespeare lässt den Zuschauer in seinem Urteil allein.

„Mesur for Mesur“, von einem gewissen Herrn Shaxberd geschrieben, wurde laut Register des königlichen Vergnügungsamtes in London am zweiten Weihnachtstag 1604 am Hofe James I. in Whitehall durch His Majesty's Players aufgeführt. Diese späte Komödie ist bitterböse, sie wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert intensiv gewürdigt. Literaturpapst F. R. Leavis hielt sie für eines der größten Werke Shakespeares überhaupt – das mag vielleicht ein wenig übertrieben sein, aber das Stück ist jedenfalls durch und durch ambivalent, intellektuell, in jeder Beziehung problematisch.

Straferlass für den Bruder gegen Beischlaf mit der Schwester lautet der Handel, auf den sich die Protagonistin einlassen soll, selbst das Versprechen in diesem unmoralischen Angebot wird von Interimsherrscher Angelo gebrochen. Gnadenlos scheint man auf eine Tragödie zuzusteuern, als ein Deus ex Machina muss Herzog Vincentio schließlich für Ordnung sorgen. Auch er ist nicht wirklich überzeugend, in manchen Inszenierungen wird betont, wie er mit den Menschen grausam experimentiert. Er ist auf jeden Fall ein Machthaber, der sich verstellt und sein Reich in der Stunde der Not verlässt, dem angeblich tugendhaften, aber doch eher bigotten Angelo überlässt, der bei der ersten Gelegenheit schwach wird. Ein seltsamer Heiliger ist dieser strenge Engel.

Das Herzogtum Vienna ist eben, wie der Landesherr Vincentio eingangs behauptet, von Grund auf verkommen. Mit einer Ausnahme: Anders als in den schwankhaften Vorlagen aus Italien verliert die Bittstellerin ihre Unschuld nicht. Isabella wird dadurch zu einer fast überirdischen Figur, die zugleich unmenschlich hart zu ihrem Bruder ist, dem die Todesstrafe droht. Sie bleibt rätselhaft. Als der Herzog am Schluss um ihre Hand anhält, gibt sie keine Antwort.

Gerechtigkeit und Freiheit

Und alle Fragen offen. Es geht um wirklich große Themen in „Maß für Maß“, um persönliche Moral, theologische Doktrin, soziale Gerechtigkeit, das gerechte Regieren, schließlich auch um Freiheit. Dem Zuseher wird von Shakespeare viel abverlangt, er bietet keine Antworten, sondern überlässt das Urteil dem Betrachter. Eigentlich handle es sich um eine Tragödie, schreibt der Anglist Frank Kermode, der besonders den zweiten Teil des Stückes für unglaubwürdig hält. Die ganze Poesie des Stückes liege im Tragischen. Das macht das Unheimliche an diesem rätselhaften Drama aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2007)

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