Alles fließe von selbst

Früher war alles noch viel besser als super.

Bevor repressive Reiche wie Preußen und Habsburg ihre Untertanen in klassenbewusste Bauern-, Bürger und Gelehrtenschulen pressten, forderte im 17.Jahrhundert der christliche und sogar humanistische mährische Pädagoge Comenius in seiner „Großen Didaktik“, dass alle Kinder in einheitlichen Gesamtschulen unterrichtet werden sollten. Seine Begründung: Vor Gott seien alle Menschen gleich. Soziale Ungerechtigkeit hasste er, und er verlangte gleiche Chancen für Mädchen. Leider hat sich das bisher nicht überall herumgesprochen.

Comenius setzte auf sanfte Methoden des Unterrichts. „Omnia sponte fluant, absit violentia rebus“ lautete sein Motto, und das ist so hübsch universal, dass es hierzulande bis in lateinfreie Bezirke verstanden werden sollte: „Alles fließe von selbst, Gewalt sei fern den Dingen.“

Auch vor dem Wiener Landesschulrat sollen ab dem Schuljahr 2008/09 alle Menschen chancengleich sein, zumindest in den Klassen bis zur neunten Schulstufe. Weil die SPÖ Wien neuerdings sogar plakatiert, dass sie hält, was sie verspricht, kann man nun also davon ausgehen, dass flächendeckend alle Hauptschulen, Mittelschulen und Gymnasien zusammenwachsen werden. Das ist begrüßenswert, radikal, für die Schüler wahrscheinlich eine interessante Erfahrung, aber lange noch nicht radikal genug.

Wenn das Ziel dieses Experiments nicht nur darin besteht, Chancengleichheit zu bieten, sondern durch dieses System besser qualifizierte Bürger zu bekommen, muss es einige Begleitmaßnahmen geben, die nicht nur die Schüler betreffen. Alles muss fließen: Eine echte Gesamtschule kann nur als Ganztagsschule gedacht sein, damit auch die vielen zusätzlichen Förderstunden geleistet werden können, durch die dann die verschiedenen Begabungen ausdifferenziert werden. Eine echte Gesamtschule müsste auch bedeuten, dass für alle Schulen eine maximale Anzahl von Ausländerkindern festgelegt ist, um Ghettoisierung zu verhindern. Alles andere wäre Etikettenschwindel.

Und eine echte Gesamtschule erforderte auch, über einen vielfältigen Lehrplan nachzudenken. Alles fließt. Der US-Psychologe Steven Pinker mutmaßt, dass die amerikanischen Lehrpläne noch immer vom Mittelalter geprägt seien, und fordert dort mehr Wirtschaft, Biologie, Statistik statt Literatur oder Trigonometrie. Das klingt schon wieder einseitig, aber diskutieren sollte man darüber, und das Angebot kann gar nicht breit genug sein, in einer Schule für alle Bedürfnisse und Neigungen.

Wird das Wiener Modell Erfolg haben? Als Zugezogener aus dem verkehrsarmen Süden kann man nur sagen, es ist höchste Zeit, dass diese Stadt eine radikale Bildungsreform wagt. Gewalt sei fern den Dingen. In Wien mangelt es bisher sogar am Verständnis für die simpelsten Verkehrsregeln. Eine entschlossene Minderheit der Bewohner hat trotz hundert Jahren Sozialdemokratie noch immer nicht begriffen, dass die Farbe Rot an der Ampel „Halt!“ bedeutet und dass das Reißverschluss-System bei Zubringern keine Empfehlung, sondern eine Verpflichtung ist. Nichts fließt hier von selbst, die Gesamtschule bedeutet sozusagen auf unterster Stufe eine letzte Chance auf soziale Integration.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2007)

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