Donaufestival. Am zweiten Wochenende sprengten zunächst nur "Gang of Four" das Alternativ-Biedermeier.
Mitleid mit Mikrowellenherden ist wahrscheinlich eine übertrieben sensible Regung. Doch wenn Jon King, Sänger der Gang of Four, beim Song „He'd Send In The Army“ ein solches Küchengerät rhythmisch zertrümmert, dann geht einem das schon nahe, auch wenn man weiß: Das ist Routine, er tut das seit Jahren. Nur wenn einem – zur Hölle mit der Populärkultur! – unwillkürlich jene „Spongebob“-Folge einfällt, in der der burgerbratende Badeschwamm diverse Haushaltsgeräte zerschlägt, weil er sie für Komplizen eines als sein Chef getarnten Roboters hält, muss man schmunzeln.
Aber nur kurz. Denn da ist nichts zum Lachen. Das ist ernst. Großes linksradikales Männer-Pathos: Gang of Four, die Band, die ab 1979 den real nicht existierenden Sozialismus in Post-Punk-Pakete packte, ist wieder wieder da. Und sie ist, wie sie war, wie es ihr erster Albumtitel „Entertainment“ schon ausdrückte, zugleich Unterhaltung und Anti-Unterhaltung. „The problem of leisure / What to do for pleasure / Ideal love a new purchase / A market of the senses“, schreit Jon King in „Natural's Not In It“ in atemlosen Stakkato – ja, auch seine Band wirft sich auf den Markt der Sinne, bisweilen auch unter Zuhilfenahme von elenden Rocker-Gesten. (Gerecktem Zeigefinger sowieso.) Klar, auch diese Slogan-Maschine funktioniert mit Testosteron-Antrieb. Und die Bühnenarbeiter der Generation Praktikum müssen emsig wieseln und schrauben, wenn die alten Punk-Herren schon wieder ihren Zorn am Mikrofonständer trainiert haben...
Zur Hölle mit der Armut
Egal. Ein betont unironisches „To Hell With Poverty“, ein zerklüftetes „Anthrax“ ein vorbildlich gehacktes „At Home He's A Tourist“, nur z.B., verfehlten ihre Wirkung nicht. Und dass die Zeile „The change will do you good“ in „Damaged Goods“ kein Warnsignal an die Politik ist, sondern ein Abschiedswort an eine Dame, wen kümmert's, vor allem die älteren Herren im Publikum schüttelten auf jeden Fall mitfühlend die Häupter.
Schöner war, das steht fest, am Abend davor der britische Jung-Genius Patrick Wolf: ein Poseur von Gnaden und Graden, ein Teufelsgeiger, ein Zelebrant der auf beiden Silben betonten Magie, dessen Pop so getüftelt, so perfekt ist, dass er einen schon wieder kalt lässt. Auch weil man bei seinem Auftritt spürte: Das Hemd kann noch so glänzen, wenn man sich zu oft aufs Herz greift, wird der strahlendste Stoff schleißig.
Und gerade durch seine übergroßen, mit übergroßem Wohlwollen des Publikums aufgenommenen Gesten wirkt dieser Pop brav und bescheiden. Wie die kleinen, feinen, mit ebenso kleinen, feinen Melodien einer japanischen Elfe kontrastierten und einem Obstkorb illustrierten Rasereien von Deerhof aus San Francisco; wie die betont versponnenen Raunz-Etüden der Parenthetical Girls. „Indie-Rock“, der mit sich selbst und seiner Randstellung zufrieden ist.
Neulich, an der Bar
Genauso biedermeierlich war der Auftritt von Jamie Lidell, Gonzales und Mocky: Bar-Jazz aus dem Dreisternhotel, das der Alternativ-Reiseführer empfiehlt, gesungen mit der kindlichen Affektiertheit des frühen Al Jarreau. Nur einmal driftete die launige Lounge in tiefere Gewässer, war aber auch nicht weiter schlimm. Ein Spiel halt. Wie das an „Drahdiwaberl“ erinnernde Plastikpuppen- und Reizwäsche-Theater der Kids On TV. Wie die „Painstation“ im Foyer, bei der man sich ein bisschen die Finger verbrennen kann, wie die paradiesischen Diskurse, mit denen diverse Licht bringende „Art Angels“ in der Pause sanft nervten.
Und um Spiele geht's ja heuer beim Donaufestival, laut Festivaltitel („Unprotected Games“) sogar um ungeschützte solche, laut Intendanten-Statement vollführt u.a. von „Pop-Ikonoklasten“ und „skrupellosen Wilderern in Bambiland“. Wortreich kuratierter Radical chic as usual also. Nur ein Einwand: Das Erfreuliche an diesem Festival ist doch gerade, dass es geschützt ist, dankenswerterweise gut gefördert von Stadt, Land, Staat und Sponsoren, dass es auch Künstler holen kann, die sich für ein Kommerzfestival nicht rechnen würden.
Aber man kann natürlich immer tun, als ob man Hände beißt, die einen füttern. Und ab und zu sollte man auch einen Mikrowellenherd zertrümmern, das befreit.
Inline Flex[Faktbox] WAS NOCH KAM/KOMMT("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2007)