Burgtheater. Karin Beier inszeniert Shakespeares "Maß für Maß" mit einem Übermaß an lustigen Rüpelszenen.
Ein müder Herzog, der mutwillig seine Herrschaft einem beinharten Sanierer auf Zeit überlässt, der als Mönch verkleidet beobachtet, wie es Huren, Heuchler und Heilige bis zum Äußersten treiben... – nein, das ist nicht die Enthüllungsstory des Banker-, Kieberer- und Zuhälter-Boulevards Österreich, sondern eine heimtückische Komödie William Shakespeares. 1604 hat er für den Hof von James I. „Maß für Maß“ produziert, ein ideenreiches, kantiges Stück, aus dem jeder die Moral nehme, die er will, ob frommer Kardinal oder Libertinär oder beide zusammen. Mit etwas Glück stellt ein gerissener Regisseur dann auch noch die Stehplatzler zufrieden, wie das im Burgtheater am Samstag nur zum Teil der Fall war. Karin Beier hat das Stück intelligent, maßlos in den Rüpelszenen und mit Übermut zur Trivialität inszeniert.
Ja, und sogar einiges an Shakespeare-Text war dabei, aber die größten Lacher gab es bei der Premiere für durch und durch wienerische Impromptus. Das Stück spielt im Herzogtum Wien, also hat Beier die Volksszenen im Prostituierten-Milieu am Gürtel angesiedelt und im Geiste der Elisabethaner die Ehre der Strizzis nachgedichtet. Das Nahrungsmittel des Abends: „Zipfer Urtyp“. Wahrscheinlich müsste man für zugereiste Gäste die groben unkeuschen Fachausdrücke simultan übersetzen lassen, wenn die Dame aus dem Milieu über ihren „stingat'n Brunzbusch'n“ parliert und Ordnungshüter im breiten Dialekt ihre „Maut“ eintreiben.
Die Zumutung der Arbeit
Großartig schrill spielt Regina Fritsch die Hure Chantal, die für eine Reihe von Kleinkriminellen anschaffen muss. Nichts fürchten die so sehr wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des neuen Herrschers, des bigotten Angelo (Nicholas Ofczarek). Laub rechen geh'n fürs Wiener Gartenbauamt? „Za wos hob i studiert? Griechisch und Französisch“, sempert Chantal. Und ihr gemütlicher Puff-Vater (charaktervoll Hermann Scheidleder), der eine Partei gründen will, fordert gar „Recht auf Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich“. Da lacht das Burgtheater-Publikum grausam auf.
Wegen der Zumutung der Arbeit ereifert sich einer aus der Halbwelt (Juergen Maurer) im FPÖ-Jargon über die Ausländer, die Piefke, den Schweine-Banker – die alle würden von seinem Arbeitslosengeld leben. Assistiert wird er in seinen Invektiven von einem komplexbeladenen Kunden (Michael Wittenborn), der sich für Massage und Schnulzen begeistert: „Der einzige, dem man noch glauben kann, ist der deutsche Schlager“. Rührend ist es anzusehen, wie das Milieu durch Griffe an die Antenne darum kämpft, ob im Radio „Es geht eine Träne auf Reisen“ oder „Ich hab' die Liebe gesehen“ spielt. Die Musik (Jörg Gollasch) ist perfekt abgestimmt. Viel Schmalz in dieser tristen Welt (Thomas Dreißigacker hat auf der Bühne vor grauen Kulissen offenbar ein ganzes Depot hässlicher Büromöbel platziert), und so ist es nur logisch, dass die Köpf-Szene, mit der das grausame Regime entlarvt werden soll, ausufert zu einer eleganten Variante der Pradler Ritterspiele.
Großartige Poelnitz, blendender Ofczarek
Die Kalauer dominieren den dreistündigen Abend, und diese Fülle ist ein Problem der Regie. Dadurch geht nämlich Beträchtliches von einer anderen, ernsteren Ebene verloren. Zwischen dem Heuchler Angelo und der keuschen Isabella (Christiane von Poelnitz), die ihren Bruder Claudio (unauffällig Simon Eckert) vor der Exekution retten will, kommt es zu rhetorischen Duellen auf hohem philosophischen Niveau. Und von Poelnitz glänzt in diesen Passagen, ihre Auftritte sind eine Ereignis – mit Witz und Feuer und großer Intelligenz erfüllt sie ihre Rolle. Sie zeigt das Pathos eines Stummfilmstars als Hysterikerin und kühle Abgeklärtheit, wenn es um die treffenden Argumente geht. Da schmerzt es, dass ihre Texte zuweilen bis zur Karikatur gekürzt werden, dass für den blendend spielenden Ofczarek wesentliche Zeilen fehlen – und alles nur wegen billiger Effekte im Übermaß!
Raffiniert ist jedoch, dass Beier nicht nur dem Herzog die Doppelrolle gibt, sondern fünf weitere Schauspieler sowohl am Hof als auch als Volk auftreten lässt. Beinahe jeder also hat in dieser Welt der Doppelmoral zwei Gesichter: Die korrupten Polizisten (köstliche Maurer und Peter Wolfsberger) sind auch „ehrliche“ Zuhälter, der seriöse Lord Escalus (Wittenborn) ist der verklemmte Kunde. Die größte Wandlung macht Ofczarek durch. Als Angelo ist er die gefährliche Version eines Neurotikers, im Milieu spielt er den triebhaften Gorilla. Tilo Werner hingegen wirkt sowohl als Herzog wie auch als Mönch gleichförmig, zuweilen fast desinteressiert. Markus Meyer als skurriler, aber prophetischer Lucio gibt seinen Part vielschichtiger. Etwas mehr von Lucios Charakter hätte man der Inszenierung gewünscht. Sie wird mit der Zerrissenheit dieses heiklen Dramas nicht ganz fertig.
Inline Flex[Faktbox] PREMIERE. „Maß für Maß“("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2007)