Jungtiere bringen im Tiergarten weniger Besuchersteigerungen als die Eröffnung neuer Anlagen. Und Eisbären hat man im Wiener Zoo ohnehin selbst – im Winter soll sogar noch Nachwuchs kommen.
WIEN. Tausende Besucher, lukrative Werbeverträge und ein medialer Hype, wie er einem kleinen Tier sonst kaum zuteil wird – das Eisbärenbaby Knut hat dem Berliner Zoo innerhalb weniger Wochen massive Bekanntheit und Einnahmen beschert. Das mediale Echo war jedenfalls um einige Dimensionen größer als bei vergleichbaren Fällen von Nachwuchs in Tiergärten.
In Schönbrunner Zoo, wo in den vergangenen Jahren immer wieder Eisbärennachwuchs vermeldet werden konnte, war von einem vergleichbaren Ansturm jedenfalls nichts zu merken. „Der Unterschied liegt in der Personifizierung von Knut durch die Handaufzucht“, sagt der stellvertretende Direktor Harald Schwammer, „und Knut ist vor allem ein Erfolg der Medien.“ Denn während sich in Schönbrunn Eisbärenmutter Olinka um ihren Nachwuchs kümmerte, wurde Knut von seiner Mutter verstoßen und seither von einem Pfleger aufgezogen. Das machte den Berliner Bären zum Underdog, dessen Schicksal die Menschen rührte.
„Marketinginstrumente nutzen“
Dass es einen derartigen Rummel um Knut gibt, sieht man in Schönbrunn aber keinesfalls negativ. Schließlich benötigen Zoos finanzielle Mittel, und „deshalb muss und soll ein Zoo auch seine Marketinginstrumente einsetzen und nutzen“, so Schwammer. Finanzieller Erfolg bedeute ja primär, „dass man damit verstärkt effektiven Artenschutz finanzieren und betreiben kann“.
Unbekannt ist breites Marketing ja auch in Schönbrunn nicht. Unter der Führung des ehemaligen Direktors Helmut Pechlaner wurde der Umgang mit der Öffentlichkeit geradezu perfektioniert. Gibt es Nachwuchs, wird die PR-Maschinerie angeworfen, und Medien und Besucher werden mit Infos und Bildmaterial versorgt – zuletzt etwa bei Felsenpinguinen, Totenkopfäffchen und Parmakängurus.
Und natürlich bringen Bilder von Jungtieren, die mit großen Augen in die Kameras blinzeln, mehr Besucher – wenn auch beispielsweise Waldrappen oder Nasenbären nicht ganz mit dem Kuscheltier-Faktor eines Eisbären mithalten können. Allerdings: „Ziel eines wissenschaftlichen Zoos ist es nicht primär, Tierbabys zu präsentieren, sondern Informationen über die gesamte Tierwelt anzubieten“, sagt Direktorin Dagmar Schratter. Außerdem sei der Effekt auf die Besucherfrequenz bei Jungtieren gar nicht so hoch wie bei der Eröffnung neuer Anlangen. „Die Reaktion auf die Aquarium-Neueröffnung war beispielsweise größer als bei der Geburt eines Elefanten“, so Schratter. Auch die Berichterstattung über die Paarung der Pandabären brachte laut der Direktorin gar nicht so viel mehr Besucher. Und so setzt man im Zoo auf weitere Attraktionen, etwa einen Erlebnisweg in den Baumkronen, von dem aus man die Tiere von oben beobachten kann.
Bedarf an medialen Zugpferden vom Schlage eines Knut sieht man im Zoo jedenfalls nicht. Auch an Knut selbst haben die Zoologen kein Interesse, sollte er ihnen für die Zucht angeboten werden. „Wir haben ein gut züchtendes Paar“, sagt Harald Schwammer. So gut, dass bereits im Winter mit einem neuen Eisbärenbaby zu rechnen sein wird. Dann bekommt Österreich also auch seinen Knut.
Inline Flex[Faktbox] DER „KNUT-EFFEKT“("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2007)