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Japan: Das Ende des Harmonie-Schwindels

Seit Männer bei Trennung ihr Einkommen teilen müssen, rollt eine Scheidungswelle.

Tokio. Mit der ehelichen „Harmonie“ ist es in Japan vielerorts nun schlagartig vorbei: Seit Kurzem gibt es ein neues Scheidungsrecht, das den Frauen erstmals die Hälfte der männlichen Einkommen und Pensionen sichert. Schon am ersten Tag rollte eine Trennungswelle an, wie sie Japan noch nie erlebt hat. Bisher hatten Japans Töchter in einer zerrütteten Ehe die Wahl zwischen Pech und Schwefel. Entweder sie hielten widerwillig durch oder stürzten sich selbst in Armut. Damit ist nun Schluss.

„Dieses Gesetz ist ein Segen für alle Frauen, die bisher von einer Scheidung Abstand genommen hatten, weil sie ohne finanzielle Sicherung dagestanden wären“, jubelt Hiromi Ota, Familienanwältin in Tokio und Autorin des Bestsellers „In Scheidung“. Das Gesetz erkenne jetzt an, „dass die Gesellschaft Hausfrauen nicht mehr in die Opferrolle zwingt, weil sie ihren Beruf aufgegeben hatten“.


Keine Unterhaltspflicht

Rund elf Millionen – ein Drittel aller erwachsenen Japanerinnen – haben nach jüngsten Berechnungen der staatlichen Sozialversicherung kein eigenes Einkommen. Eine Unterhaltspflicht nach westlichem Muster gibt es in Japan mehr oder weniger nur auf freiwilliger Basis. Bisher waren geschiedene Frauen meist von der Unterstützung ihrer Kinder abhängig oder mussten Sozialhilfe beantragen. Die Staatskasse ist aber aufs Äußerste beansprucht, was die Regierung wohl maßgeblich zur Neuregelung veranlasst hat. Die Ausgaben für Sozialhilfe haben sich seit 1997 von knapp zehn Mrd. Euro auf 18 Mrd. fast verdoppelt.

„Das neue Recht schützt nun erstmals Mütter und Hausfrauen, die ihr Leben der Familienversorgung gewidmet hatten und dafür mit lebenslanger Abhängigkeit bestraft wurden“, freut sich Ota.

Man rechnet damit, dass vor allem Frauen über 60 – die traditionell zum Devotismus erzogen, oft in „arrangierte Ehen“ gepresst wurden und nur selten einen Beruf ausüben konnten – die „Chance ihre Lebens“ ergreifen, wie Anwältin Ota es nennt.

Nach Schätzungen eines Lebensversicherers stehen aktuell etwa 42.000 Rentnerpaare vor der Trennung. Befragt nach ihren weiteren Lebensplänen gaben 48,4 Prozent aller Männer über 60 an, die Zeit mit ihrem Ehepartner verbringen zu wollen – aber nur 27,1 Prozent der Frauen. Fast immer seien es Frauen, die die Scheidung wollen, um ihren Lebensabend ohne die Bürde eines gelangweilten und unbeholfenen Ehegatten zu führen, der ohne Arbeit nichts mit sich anzufangen weiß. Viele warten die Pensionierung des Mannes ab, weil der vom Arbeitgeber in der Regel zum Abschied zwei Jahresgehälter erhält, die jetzt geteilt werden müssen.

Japans Massenmedien thematisieren das Phänomen „Scheidung im Goldenen Herbst“ schon sehr auffällig. Nicht nur TV-Talkshows oder Vorabend-Fernsehspiele sind ein Indikator für den Wertewandel im japanischen Familienleben, wo bisher strikt zwischen Ernährer und Abhängigen unterschieden wurde.


Der Ehemann als „Sperrmüll“

Auch die Buchläden sind voll mit Ratgeberliteratur, vor allem über das „Retired Husband Syndrom“. So definieren japanische Mediziner ein Krankheitsbild von „Frauen, die unter der Bürde von Ehegatten im Ruhestand“ leiden.

Wenn die Männer ihr Berufsleben beenden, fallen viele in ein tiefes Loch, benehmen sich im eigenen Heim wie ein Störfaktor. Der – vorrangig weibliche – Volksmund nennt sie böse „Sperrmüll“. Damit drehen die Frauen nun den Spieß des Spottes um. Denn für sie galt: Wer mit 25 Jahren noch nicht verheiratet war, wurde bisher „unverkaufte Weihnachtstorte“ genannt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2007)