Kann Punk die netten Musiklehrer überleben, die ihren Klassen die Sex Pistols vorspielen?
Die Debatte über Bildungspolitik lässt uns Wissenschaftsjournalisten schon deshalb nicht kalt, weil wir am Ergebnis der Bildung beruflich interessiert sind. Man bedenke: Jede Wissenslücke, die wir stopfen müssen, kostet uns drei bis 20 Zeilen, dazu kommen die unwilligen Vorzugsschüler unter den Lesern, die sich darüber empören, dass wir ihnen schon wieder erklären, dass z.B. ein Protein aus Aminosäuren oder ein Proton aus Quarks besteht, was sie ja schon längst wissen. Dann gähnen sie provokant und beginnen, unter der Bank laut raschelnd den Scientific American zu lesen...
Ja, wir bedauern: Uns stehen keine Sanktionen in der Bekämpfung von Bildungsdefiziten zur Verfügung; der Vorschlag, erwiesenes krasses Unwissen mit Entzug des Abonnements zu ahnden, stößt bei der Geschäftsführung auf Unverständnis. Auch wäre die Leistungsfeststellung kein Leichtes, auf geschickt getarnte Prüfungsfragen – à la „Sie erinnern sich, wie wir Ihnen am letzten Dienstag an dieser Stelle den genetischen Code erklärt haben“ – reagieren die Leser seltsamerweise mit Befremden. Also: Nichts voraussetzen, alles immer wieder schreiben, Journalismus ist Wiederholung, wie schon die Alten seufzten.
Das hat freilich auch sein Gutes. Wer zum zehnten Mal zwischen Konferenz und Redaktionsschluss versucht, in gesetzten Worten die quantenmechanische Verschränkung zu erklären, hat gute Chancen, sie endlich zu verstehen oder zumindest zu verstehen, wieso er sie nicht versteht.
Lehrern geht es wohl ähnlich, das muss eine der schönsten Seiten dieses schönen Berufs sein. Dazu kommt das geistige Abenteuer, dass sich der Bildungskanon ändert, während man ihn zu reproduzieren versucht, und zwar in direktem Kontakt mit denen, die das größte Recht dazu haben, ihn zu ändern: den Schülern. Dabei muss man der Versuchung widerstehen, die Jungen damit zu nerven, dass man alles Neue, Alternative, Aufsässige sofort zu Tode umarmt. Man kennt das Problem: Kann Punk die netten Musiklehrer überleben, die ihren Klassen die Sex Pistols vorspielen?
Ich bezweifle es. Andererseits ist mir die Borniertheit, mit der manche „Bildungsbürger“ heutige Kultur, insbesondere die Popkultur, behandeln, zuwider. Etwa, wenn ein Kommentator in der Wiener Zeitschrift „conturen“ unter dem bescheidenen Titel „Die kleine Fackel“ beklagt, dass der ORF-Bildungsauftrag „geräuschlos im Nirwana“ verschwinde, „was aber ohnedies egal ist, denn die meisten Jugendlichen halten ,Nirwana‘ für eine Popgruppe“.
Dazu ist zu sagen, dass die „meisten Jugendlichen“ 1) Recht haben: Nirvana war eine Popgruppe, und zwar eine der bedeutendsten der frühen Neunzigerjahre. 2) Popmusikhörer wissen, was „Nirwana“ ist; sie sind, behaupte ich, im Durchschnitt nicht ungebildeter als Autoren eines von einem „Verlag für Ganzheitlichkeit“ (sic!) publizierten Periodikums. 3) Wissen über wichtige, zeitprägende Popmusik gehört zur Bildung. Ein „Kulturmensch“, dessen Musikkatalog im Jahr 1950 aufhört und der auch noch stolz darauf ist, ist zirka so glaubhaft wie ein „politisch Interessierter“, der alle Minister Maria Theresias nennen kann, aber keinen der heutigen Bundesregierung. Wie die Residents sagten: „Ignorance of your culture is not considered cool.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2007)