"Was diese Drecksäcke wirklich tun!"

Ruedi Häusermann inszeniert im Burgtheater-Kasino Elfriede Jelineks "Über Tiere": Das Stück basiert auf abgehörten Telefonaten zwischen Mädchenhändlern, Zuhältern und Freiern, die 2005 in Wien öffentlich wurden.

Er hat Weiber, die kommen ins Hotel, schauen ganz schön aus und speiben sich im Bett an. Sie blasen dir den Schweif, und für das wollen sie dann 2500 Euro.“ Parlamentsabgeordnete, die Straßenkinder aus der Ukraine, Bulgarien entführen und sie zur Prostitution zwingen. Jungfrauen für 5000 Dollar. Griechisch, Naturfranzösisch ohne Aufpreis...

Elfriede Jelinek hat ihren 1986 veröffentlichten Text, „Begierde&Fahrerlaubnis, eine Pornographie“, fortgeschrieben und Abhörprotokolle einer noblen Wiener Escort-Agentur eingewoben, die junge, teilweise minderjährige Mädchen aus Osteuropa unter Zwang an wohlhabende Kunden verschachert: „Über Tiere“ wird Freitag (4.5.) im Burgtheater-Kasino uraufgeführt; in der Regie des Schweizers Ruedi Häusermann.

Wird es Proteste wegen der drastischen Sprache geben? „Ich habe darüber auch nachgedacht“, sagt Häusermann: „Die Grundfrage war, wie inszeniert man so was? Soll man den Text mit Bildern verdoppeln und noch schrecklicher machen? Ich habe mich dagegen entschieden und versuche, Intellektualität reinzubringen. Die Pornographie liegt ja nicht bei Jelinek oder in ihrer Sprache, sondern in den furchtbaren Tatsachen. Das Unheimliche, Abstoßende, Abscheuliche, das Scheusal- und Monsterhafte ist, dass es Kinderprostitution und das alles gibt. Man muss aufpassen, dass man nicht dem Boten den Kopf abschlägt. Dem Boten sollte man dankbar sein. Es ist gut, dass diese Verbrechen noch durch eine andere Instanz gehen als die Polizei, die diese Männer verhaftet, und dann müssen sie ein bisschen ins Gefängnis, und das war es. In den Medien wird dann immer mit so sterilen Begriffen operiert. Jelinek nennt die Dinge beim Namen. Sie sagt, was diese Drecksäcke wirklich tun.“

Sind diese Männer also „Tiere“?

In den USA ist eben der stellvertretende Außenminister und Chef der Entwicklungshilfe Usaid, Randall Tobias, aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Tobias (65), ein Republikaner und enger Vertrauter der US-Außenministerin Condoleezza Rice, war Kunde des Escort-Service „D. C. Madam“, dessen Betreiberin eine 20 Kilo schwere Liste mit Telefonkontakten mit 10.000 Kunden dem TV-Sender ABC übermittelt haben soll.Sind Männer also „Tiere“, wie Jelinek schreibt – und warum sind sie offenbar so viel mehr Tiere als Frauen? „Der erste Teil des Stückes handelt von der Liebe einer Frau“, erklärt Häusermann: „Ich glaube, der Punkt ist, Frauen wollen immer die ganze Liebe, das ist eine große Landschaft. Männer interessiert nur das eine punktuell, alles andere ist ihnen eher lästig. Das Grundthema ist: Wohin führt dieser Irrglaube, dass man die Lust und die Erregung materiell steigern kann, über das Kaufen und Besitzen ohne Zuneigung. Das reduziert sich dann nur mehr auf: Wie große Brüste hat sie, und was kann sie mit dem Arsch machen?“

Häusermann weiter: „Man schnappt sich jemanden, nützt ihn aus und zerstört ihn. Das führt in den Tod. Ich bin sicher, dass diese Mädchen nachher ausgelöscht sind. Wenn man als 17-Jährige in den Westen kommt und glaubt, man soll in einer Familie Kinder hüten und gerät in die Hände dieser geldgierigen Zuhälter, da bleibt nichts mehr von einem übrig. Denken Sie an diese Leute in Belgien, die ihre Lust nur mehr aktivieren konnten, indem sie Babys missbrauchten. Ich glaube, dieses Stück geht alle Männer an. Dieser Wunsch, so eine Schönheit zu kriegen, das ist ja ein Traum von jedem. Diese Frau dann zu kaufen, zu missbrauchen, zu vergewaltigen, das ist natürlich eine andere Sache. Aber trotzdem ist dieser Schritt ganz nah.“ Dennoch werden viele Leute sagen: Was geht mich das an?

„Ja, man sagt auch, Jelinek soll endlich den Schnabel halten und aufhören, über den Holocaust zu sprechen. Dabei trampeln wir immer noch alle auf diesen Gräbern herum. Ich glaube nicht, dass diese Aufführung die Welt verändert. Aber man redet über Prostitution von Minderjährigen und über die Verflechtung von Politikern.“

Keine vier Biere trinken vorm Theater!

„Es geht ja nicht um diese drei Schweine, die man erwischt, sondern um all die anderen. Das sind wohlhabende Leute in besten Positionen, die mitten unter uns leben. Die Aufgabe des Theaters ist es, Räume aufzutun, Platz zu schaffen, Luft zum Atmen zu geben. Das Theater ist der Ort, wo das Gewäsch draußen bleiben muss, der Boulevard, die Zerstreuung. Wenn man ins Theater geht, muss man wach sein. Man darf nicht vier Biere vorher trinken, sonst hat man nichts davon. Das Publikum soll größer werden, mehr begreifen durch Theater.“

Zwölf Pianisten und die Musik von Mozart begleiten die Hauptdarstellerin Sylvie Rohrer während ihres eineinhalbstündigen Monologes. Welche Rolle spielt die Musik? „Dieser Text erzeugt eine riesige Bilderwelt, und diese Bilder sind Hämmer, Erschlagungsinstrumente“, sagt Häusermann: „Da habe ich die Musik als Grundlage für meine Durchquerung genommen, die d-Moll-Fantasie, ein Stücklein für die Klavierstunde. Mozart ist wie die verflossene Sprache, die in der Erinnerung mit einer Sentimentalität gepaart ist. Man denkt, die Welt ist in Ordnung, eine Welt ohne Abweichungen und Verwirrungen, eine Welt, in der man nicht den falschen Eingang erwischen und dann niemals zurückkehren kann. Ich finde diese pseudo-modernistischen Jelinek-Inszenierungen schrecklich, in denen es von Vaginas und Blut nur so wimmelt.“

Nach der Jelinek-Premiere zieht sich Häusermann in sein Atelier in der Nähe von Zürich zurück und arbeitet an einem Kompositionsauftrag der Stuttgarter Oper. Ob es tatsächlich eine Oper wird, kann er noch nicht sagen. Immer wieder Pausen zu machen ist für ihn wichtig: „Ich hatte auch das Glück, dass ich es mir leisten konnte, nach dem Studium nicht sofort Karriere zu machen. Man ist da so schnell drin. Auf einmal hat man so viele Verpflichtungen, dass man sich gar nicht mehr frei bewegen kann.“

Inline Flex[Faktbox] ZUR SACHE: Prostitution("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2007)

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