Erotik: Wien entdeckt seine Unkeuschheit

Nun gibt es auch eine lange Nacht der Liebe, bei der die Besucher ihre verborgenen Seiten kennen lernen – und unauffällig einen Blick in Wiens berühmtestes Stundenhotel werfen können.

Nach wie vor hat ein Besuch im Stundenhotel etwas Anrüchiges. Man spricht nicht darüber. Und man war noch nie dort, falls das Gespräch doch einmal dieses Thema streifen sollte. Dabei wäre es schon interessant, wie es denn nun in einem solchen Etablissement eigentlich aussieht. Nun, das schreit förmlich danach, einen institutionellen Rahmen zu schaffen, in dem Interessierte einen Blick in die verruchte Höhle wagen können – abseits des Tages- bzw. eher Nachtgeschäfts.

Am Sonntag bietet sich genau diese Gelegenheit, wenn in Wiens berühmtestem Stundenhotel, dem Hotel Orient, zur „Langen Nacht der Liebe“ geladen wird – eine Idee, die man sich von anderen, ganz und gar nicht verruchten Einrichtungen wie Kirchen oder Museen abgeschaut hat. Von 18 bis 22 Uhr stehen sechs Zimmer für Besucher offen, die sich schon immer für Interieur und die Stimmung im alten Hotel am Tiefen Graben interessiert haben.

Gedränge in den Séparées

Von erotischem Prickeln und romantischer Zweisamkeit ist in dieser Zeit allerdings vermutlich wenig zu spüren, denn ganz allein und ungestört ist man bei einer derartigen Veranstaltung naturgemäß nicht. Rund 200 Besucher haben gleichzeitig in den Veranstaltungsräumen Platz, aber dann „ist es schon sehr voll“, sagt Tina Dermitzakis, Mitorganisatorin der Langen Nacht. Und neben den Gästen müssen die Zimmer auch noch mit einigen Künstlern geteilt werden, die ihre Ansichten zur Liebe vorstellen.

So dreht sich etwa die Revue „Sündiges Wien“ der A Capella-Gruppe „4she“ um Josefine Mutzenbacher, Wiens berühmteste Dirne. Die Indie-Folk-Rocker „A Life, A Song, A Cigarette“ spielt Liebeslieder, und Tini Trampler tritt mit der sogenannten „Bordell Band“ auf – noch Fragen?

Neben musikalischen Betrachtungen der Liebe gibt es Lesungen, unter anderem von Ernst Molden. Er hat eine besondere Beziehung zum Hotel Orient, durfte er hier doch für mehrere Monate wohnen und seinen Roman „Die Krokodilsdame“ schreiben. Weiters liest etwa Julius Mende aus seinem aktuellen Buch „Die sexuelle Welle“, die „Bordellkäfer“ bringen Ausschnitte aus dem „bizarren Sexualleben der Tiere“. Weitere Programmpunkte sind alte Erotikfilme und Präsentationen von Körperbemalung, „Erektionsbekleidung“ oder Graffitis mit erotisch-sexuellen Botschaften.

„Es wird sehr eng und sehr heiß“

Nach dem Willen der Veranstalter, dem Aktionsradius Augarten, soll die Lange Nacht das Thema Liebe behandeln, das oft stiefmütterlich behandelt wird. Außerdem will man die Besucher einladen, die eigene Unkeuschheit zu entdecken. Zu körperlicher Nähe kommt es schon zwangsläufig, denn für große Menschenmengen sind die Zimmer nicht ausgerichtet.

„Es wird sicher sehr eng und sehr heiß“, meint Dermitzakis. Für jene, die dabei auf den Geschmack kommen, sind einige Zimmer reserviert, in die sich Besucher einmieten können – die Veranstalter nennen das „intimes Verschwinden“. Wie auch immer, falls das Gesprächsthema Stundenhotel wieder einmal auftauchen sollte, kann man zumindest sagen: „Ich war schon dort“ – auch ohne dabei gleich rot zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2007)

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