Energie-Alternativen. Österreich müsste Hälfte der Agrarfläche mit Raps bepflanzen.
WIEN. „Alle EU-Länder werden die Ziele wohl nicht erreichen“, ist der Energieexperte des Brüsseler Think Tank „Centre for European Policy Studies“ (CEPS), Christian Egenhofer, überzeugt. Seit sich die EU-Staats- und Regierungschefs im Frühjahr darauf geeinigt haben, 20 Prozent des Energiebedarfs bis 2020 aus erneuerbaren Energiequellen zu schöpfen und bis dahin einen Anteil von zehn Prozent Biokraftstoff beizumischen, werden immer mehr Stimmen laut, die vor einer großen Illusion warnen. „Es gibt keine Chance, diese Ziele zu erreichen“, warnte etwa kürzlich der britische Experte Christopher Brodie von Krom River Partner LLP in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“.
Das Ziel für Biokraftstoffe kam jedenfalls zu früh. Egenhofer vermutet, dass von einigen EU-Regierungen wie jener Frankreichs hier eher eine Möglichkeit geschaffen wurde, die durch Handelsliberalisierungen unter Druck stehende Landwirtschaft weiterhin zu fördern. Im Rahmen der derzeitigen Technologien sei Biokraftstoff weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll.
Österreich müsste laut Alexander Bachler von der Landwirtschaftskammer fast die Hälfte seiner Anbaufläche mit Raps bepflanzen, um das Biodiesel-Ziel aus eigener Kraft zu erreichen. Dabei ist Österreich eines jener Länder, die ihre Kapazitäten schon jetzt massiv ausbauen. Derzeit werden zirka 365.000 Tonnen Biodiesel und 160.000 Tonnen Bio-ethanol durch die heimische Landwirtschaft produziert.
Da vor allem der Raps-Anbau wegen seiner intensiven Bearbeitung und seines hohen Düngerbedarfs ineffizient und ökologisch unattraktiv ist, wird bereits nach Alternativen geforscht. „Sobald es diese Alternative gibt, könnte das EU-Ziel vielleicht tatsächlich erreicht werden“, ist Egenhofer optimistisch.
Ähnliche Schwierigkeiten wie bei Biokraftstoffen zeichnen sich beim geplanten Anteil von 20 Prozent an erneuerbarer Energie ab. Österreich ist wegen seiner Wasserkraft neben Lettland, Schweden und Finnland eines der wenigen Länder, die bereits das Ziel erreichen. Doch der Rest der EU hat erhebliche Schwierigkeiten. Großbritannien etwa hat lediglich einen Anteil von zwei Prozent an erneuerbaren Energiequellen, Deutschland vier und Italien auch nur sieben Prozent. Wird die Atomkraft nicht als umweltschonende Energieform eingerechnet, ist das EU-Ziel bis 2020 wohl kaum erreichbar.
Letztlich dennoch sinnvoll
Doch gleich, ob die selbst gesteckten Vorgaben zu hoch angesetzt wurden, ökologisch wie ökonomisch könnte sich das europäische Engagement für die Umwelt dennoch rechnen. Egenhofer sieht drei positive Faktoren: Erstens würden durch diese Maßnahmen die Treibhausgase reduziert werden. Dies würde sich laut zahlreichen wissenschaftlichen Studien auch wirtschaftlich rechnen. Der Rest, den die EU-Staaten durch CO2-Zertifikate zukaufen müsste, könnte ebenfalls eine positiven Effekt bringen. Nämlich dann, wenn diese Investitionen in die Umwelttechnik weniger entwickelter Länder fließen. Zweitens sinkt durch die angepeilte Energieeffizienz und die Erhöhung des Anteils von erneuerbarer Energie auch die Abhängigkeit vom steigenden Ölpreis und von unsicheren Lieferanten. Und drittens wird sich auch die Investition in neue Energietechnologien amortisieren. „Je höher der Ölpreis steigt, desto rascher werden sich diese Investitionen in Europa bezahlt machen.“
Profitieren könnten aber auch die Bauern und hier vor allem jene in osteuropäischen Ländern. In Rumänien oder Ungarn liegen weite Flächen brach, die für die Produktion von Energiepflanzen genutzt werden könnten. Doch wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. So bangt bereits die europäische Lebensmittelindustrie um ihre bisher geringen Rohstoffpreise. Denn der massive Anbau von Energiepflanzen würde das Angebot von Lebensmittelprodukten aus der Landwirtschaft reduzieren und deren Preis erhöhen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2007)