Zoologie. Eine Wiener Biologin arbeitet an der Entschlüsselung der Elefanten-Sprache – in Schönbrunn und Afrika.
Bei der Aufzählung berühmter Elefanten wird hierzulande nach Benjamin Blümchen meist Abu genannt, dessen Geburt im Tiergarten Schönbrunn im Jahre 2001 eine Mediensensation war. Benjamin Blümchens Sprache klingt manchem noch im Ohr: „Tööröööt!“. Doch wie sieht die tatsächliche „Sprachbildung“ bei Elefanten aus? Wie lernte Abu mit seinen Artgenossen akustisch zu kommunizieren? Ebenso wenig wie Babys die menschliche Sprache von Geburt an beherrschen, können neugeborene Elefanten tröten.
Angela Stöger-Horwarth vom Departement für Evolutionsbiologie der Universität Wien hat die Sprachentwicklung von afrikanischen Elefanten genau untersucht. Beide „Wiener“ Jungelefanten, Abu und Mongu (geboren 2003), konnte die Forscherin von Geburt an begleiten (finanziell unterstützt vom Tiergarten Schönbrunn und vom Wissenschaftsfonds). Mit hochsensiblen Infraschall-Aufnahmegeräten bewegte sich die junge Wissenschaftlerin mehrere Stunden pro Tag in nächster Nähe der Elefantenbabys. 1400 Stunden Tonaufnahmen aus Schönbrunn hat sie nun ausgewertet; dazu 300 Stunden, die Stöger-Horwarth in einem Elefantenwaisenhaus in Nairobi, Kenia, aufnehmen konnte. Nun werden die Ergebnisse im Journal of the Acoustical Society of America publiziert.
Man erkennt die Tiere an der Stimme
Die Unmenge an Daten konnte in sechs verschiedene Laute eingeordnet werden. Vier davon werden im Kehlkopf produziert: Rumble, Bellen, Schreien und Grunzen. Zwei Laute entstehen im Rüssel: Trompeten und Schnauben. Durch Verhaltensbeobachtungen konnte Stöger-Horwarth den Lauten unterschiedliche Funktionen zuordnen. Am vielfältigsten eingesetzt wird das tieffrequente Rumble, das ähnlich wie ein Grollen klingt. Die Elefanten änderten die Tonlage stets nach Gemütszustand. „Ich habe auch sehr bald die einzelnen Tiere an ihrer Stimme erkannt“, erzählt Stöger-Horwarth. Der individuelle Erkennungseffekt ist nicht nur für die Forscher nützlich, sondern hat natürlich Bedeutung für das Sozialsystem der Elefanten. Die Gruppentiere erkennen sich in ihrem natürlichen Habitat an der Stimme, auch wenn im dichten Urwald kein Sichtkontakt besteht.
Die schreiartigen Laute gaben die jungen Elefanten von sich, wenn sie in große Aufregung versetzt wurden. „Das Schreien ist ein sehr emotionaler Laut“, berichtet die Forscherin. Es war oft zu hören, wenn Angst oder Panik auftrat. „Im Waisenhaus in Nairobi wurden die Elefanten alle drei Stunden mit Flaschen gesäugt. Sobald man mit dem Futter auftauchte, gab es ein Geschrei um die besten Plätze an den Flaschen.“ Eine interessante Beobachtung war, dass Elefanten die unterschiedlichen Laute kombinieren, um ihre Wirkung zu verstärken. Reicht ein Rumble nicht aus, um Aufmerksamkeit zu erregen, so wird es kombiniert mit einem Schrei. In dem Sinn verhalten sich Elefanten ähnlich wie wir es tun: Wird auf ein einfaches „Hey!“ nicht reagiert, so verstärken wir es durch nochmaliges „Hey! Hallo!“-Rufen.
Bellen beim Betteln
„Das Bellen kommt bei den Elefanten vor, wenn es dezidiert ums Betteln geht“, weiß Stöger-Horwarth zu berichten. Wenn z.B. der Tierpfleger Erdnüsse eingesteckt hatte, bettelte Abu mit Belllauten. Aber auch bei Überraschung oder wenn sich das Tier erschreckte, hörte man das typische „Wuff“. Charakteristisch für neugeborene Elefanten ist das Grunzen. „Solche Grunzlaute geben die Kälber in den ersten beiden Monaten andauernd von sich“, erzählt Horvath. Es ist wichtig für den Mutter-Kalb-Kontakt und drückt aus, wenn das Kleine trinken will, oder was eben sonst für Bedürfnisse anliegen. Die Sprache der Elefanten differenziert einzusetzen, müssen die Babys erst lernen.
Trompeten bei Aufregung
Das trifft besonders für alle Rüssellaute zu. Kein Elefantenbaby kann von Geburt an trompeten, langsam wird der Umgang mit dem Rüssel erlernt. Erst ab einem Alter von drei Monaten hört man sie tröten, meist wenn sie aufgeregt sind. Vor allem beim Spielen und Herumtollen setzen die Kleinen das Tröten oft ein. Einen unspezifischeren Kontext hat das Schnauben. Dieses Luft-durch-den-Rüssel-blasen kann einerseits ein Zeichen von hoher Aggression sein, wird aber auch ohne jeglichen kommunikativen Zusammenhang abgegeben. Manchmal muss ein Elefant eben fest durch den Rüssel schnauben, um ihn zu putzen.
Als spannendes Detail fand Stöger-Horwarth heraus, dass sich kein Unterschied zwischen den Lautäußerungen der weiblichen und männlichen Elefantenjungen zeigte. Bei erwachsenen Elefanten gelten die Weibchen als „Tratschtanten“, sie unterhalten sich viel mehr als Männchen. Das erklärt sich aus dem sozialen System der Tiere: Die Weibchen leben in komplexen sozialen Gruppen. Durch akustische Kommunikation koordinieren sie die Familie und den weitläufigen Clan.
Männchen kommunizieren weniger
Männchen hingegen sind Einzelgänger, die nicht viel kommunizieren müssen. Sie lauschen höchstens, wo sich Weibchengruppen aufhalten und marschieren dort hin. Dass bei Jungtieren kein Unterschied ersichtlich war, erklärt Stöger-Horwarth dadurch, dass die Bedürfnisse der Kleinen alle gleich sind. Mit ihren Lauten signalisieren sie: „Ich will trinken“, „Ich bin verärgert“, „Ich brauche Hilfe“ oder „Ich will das haben“.
Die „Übersetzungen“ aus der Elefantensprache gelangen der Wiener Forscherin in Zusammenarbeit mit Joyce Poole, die seit vielen Jahren im Amboseli-Nationalpark in Kenia forscht. Gemeinsam begründeten sie eine Terminologie der Elefantenlaute, die in der Zukunft Elefantenforschern vieles vereinfachen wird.
Für Stöger-Horwarth ist das Trennen von Beruflichem und Privaten heutzutage nicht mehr möglich. Während ihrer Diplomarbeit lernte sie im Schönbrunner Tiergarten den Elefantenpfleger Simon Stöger kennen, mit dem sie heute verheiratet ist. Vor allem während ihrem gemeinsamen Nairobi-Aufenthalt konnte sie der erfahrene Pfleger immer wieder aus brenzligen Situationen retten, wenn ihr die tonnenschweren Tiere zu nahe kamen. Inzwischen sind Pflege- und Forschungsarbeit so eng miteinander verbunden, dass ihr Mann auch bei den Publikationen als Co-Autor dabei ist. Und auf die Frage, ob sie ihrer kleinen Tochter Benjamin Blümchen CDs schenken würde, lacht Stöger-Horwarth fröhlich: „Nicht nur meine Tochter liebt Benjamin Blümchen! Ich bin auch ein totaler Fan.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2007)