"Die Troerinnen" im Schauspielhaus. Großartig und erschütternd.
Unsere hoch verehrten, edlen Griechen, die Begründer der europäischen Zivilisation. Als sich die kleine Insel Melos dem Attischen Seebund nicht anschließen wollte, wurden die Melier von der Athenischen Flotte belagert. Die Athener eroberten die Insel, töteten alle Wehrfähigen, verschleppten Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten das Eiland mit attischen Kolonisten.
Dieser Akt der Barbarei 416 v. Chr., geschildert von Thukydides, General, Begründer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, färbte auch auf „Die Troerinnen“ des Euripides ab. Der Dichter warnt seine Landsleute vor der Hybris des Siegers, indem er die Frauen der von ihnen geschlagenen Trojaner ihr Schicksal beklagen lässt, darunter die alte Königin Hekabe, die Priesterin Kassandra, deren Jungfräulichkeit Agamemnon schändet oder Hektors Frau Andromache, deren Söhnchen Astyanax von einem Turm in den Tod gestürzt wird.
Im Schauspielhaus inszenierte Aida Karic, Serbin bosnischer Abstammung, heute österreichische Staatsbürgerin. Die Erfahrung mit dem Krieg in Jugoslawien projizierte Karic auf die „Trostfrauen“. Das ist die euphemistische Bezeichnung für die Zwangsprostituierten in Ländern, die im II.Weltkrieg von den Japanern besetzt waren. Bis heute gibt es von der japanischen Regierung keine Entschuldigung für diese Verbrechen. Das besonders Tragische ist, dass die Sexsklavinnen nach dem Abzug der Japaner, sofern sie die Vergewaltigungen überlebten, von ihren Landsleuten geächtet wurden.
30 Mal am Tag vergewaltigt
Asiatisches Theater findet im Westen nicht immer das verdiente Verständnis, wirkt es doch mitunter starr und formalistisch. Zur Wucht der „Troerinnen“ und ihrer Statik – Bewegung kommt allein aus der Schilderung der ungeheuerlichen Grausamkeiten – passt das asiatische Modell freilich hervorragend, ebenso die archaische Musik mit Trommeln, Flöten. Pansori heißt das traditionelle epische Musiktheater in Korea, dessen sich Karic bediente. Es wirkt karg, konzentriert und höchst expressiv.
Während sich im Hintergrund dunkle Wände erheben, aus denen immer wieder jäh grelles Licht hervor bricht, tanzen im Vordergrund die Töchter Trojas. Sie stürzen übereinander, schleppen sich davon oder werden weggeschleift. Einmal bleibt ein Arm zwischen den Wänden stecken. Am Anfang und am Ende senken sich Gitter über die Szene. Karic hat den Euripides-Text stark gerafft, Opferaussagen aus der japanischen Besatzungszeit in Korea sind immer wieder eingeflochten. Für den koreanischen Text gibt es deutsche Untertitel.
„25 Tage und Nächte wurde ich vergewaltigt. 15, 20, 30 Mal am Tag. Ab sieben Uhr morgens standen sie vor meiner Tür Schlange. Sie brauchten lediglich den Gürtel aufzuschnallen und ohne ein Wort in mich einzudringen. In den ersten Tagen verlor ich fast den Verstand...“ Das stärkste der packenden minimalistischen Bilder ist ein geräuschvoll zerreißendes weißes Stoffband, Symbol für die geschändete Unschuld, das zu einem Strick zusammengedreht, die Frauen am Ende fortführt. Seit Ariane Mnouchkine mit der Orestie des Aischylos bei den Festwochen zu Gast war, hat sich, jedenfalls meiner Erinnerung nach, griechische Dramatik nicht in derart erschütternder Weise ereignet wie hier. Unter den Premierenbesuchern am Freitag war viel internationales Publikum, sodass man hoffen darf, dass die „Trostfrauen“ nicht vergessen werden. (bis 16. Mai ? 317-01-01-11).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2007)